Emirsian - Accidentally in between

Emirsian- Accidentally in between

Hayk / Soulfood
VÖ: 24.06.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Sprachbarriere

Die armenischen Schriftzeichen auf der rechten Hälfte des Backcovers machen auf den Betrachter, der sich nicht mit dieser Sprache und ihrem Zeichensystem auskennt, einen seltsamen Eindruck. Auf der einen Seite erscheinen sie seltsam gleichförmig, aufgebaut zu großen Teilen aus Bögen und Serifen, so wie die Buchstaben "u" und "n" im lateinischen Alphabet. Auf der anderen Seite strahlen sie eine filigrane Ruhe aus, da die Unterschiede in den Details liegen. Doch so sehr sich ein Kalligraph daran freuen mag, so unverrückbar stellen sie doch eine Sprachbarriere dar, die auf Aren Emirzes drittem Soloalbum als Emirsian so deutlich wird, weil es ein Doppelalbum mit streng getrennten Seiten ist - erst Englisch, dann Armenisch.

Die erste Hälfte "Accidentally" versammelt zehn auf Englisch gesungene Folksongs, auf die sich neben der obligatorischen akustischen Gitarren auch mal das eine oder andere Schlagzeug, ein paar knarzige Bässe und eine sporadische E-Gitarre verirren. "No matter what the season was / It was still a black and white town" singt Emirze über die minimalistischen Anfangsakkorde von "Black and white town". Die Melancholie seiner sehr persönlichen Texte - die allein wegen der musikalischen Begleitung viel feinfühliger sein können, als es im Kontext von Harmful möglich wäre - harmoniert hier, aber auch auf den anderen Songs von "Accidentally" wunderbar mit der warmen, meist zurückhaltenden Instrumentierung.

"In between", die zweite CD, hebt sich nicht nur durch den Wechsel der Sprache ab. Alles wirkt hier getragener, gesetzter, weniger leichtfüßig. Es macht sich die Art schwerer Leierigkeit breit, die volkstümliche Musik so an sich hat, wenn nicht gerade Tanzlieder gespielt werden. Vielleicht liegt das zum Teil am Sprachduktus des Armenischen, aber der einzige Grund ist das nicht. Denn Emirze hat auf "In between" zum Teil genau das gemacht, wonach es sich anhört: Volkslieder aufgenommen. Zumeist sind das traurige Stücke über verlorene Liebe oder einlullende Schlaflieder, vorgetragen mit dem kathedralischen Pathos, das ältere Frauen auf der Weltmusikbühne des lokalen Kulturfests so bewundern.

Dabei muss das überhaupt nicht so schlimm sein: Dort, wo Emirze es schafft, der Musik und dem Gesang seinen eigenen Stempel aufzudrücken, entstaubt sich "In between" hörbar. Das fast psychedelische "Sareri hwoin mernem" spielt sich in einen faszinierenden Rausch, die Zerbrechlichkeit von "Yel, yel ..." berührt, obwohl man den Text nicht versteht. Und das spannend komponierte "Maedigi yerk" zeigt die gleichen warmen Harmonien, dank derer die erste Hälfte von "Accidentally in between" unter die Haut geht. Nach siebzig Minuten macht sich allerdings ein bisschen Enttäuschung breit, denn mit der strikten Trennung in Wort und Ton vergibt Emirze hier die großartige Chance, zwei Sprach- und Kulturlandschaften miteinander in Verbindung zu bringen. Das ist umso bedauerlicher, als dass "Accidentally in between" gleichzeitig der akustische Beweis dafür ist, dass er es könnte.

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Black and white town
  • Friends
  • Mardigi yerk

Tracklist

  • CD 1
    1. Here you are
    2. Black and white town
    3. First birthday
    4. Hit 'em
    5. Friends
    6. Straight to the sun
    7. Bring it down
    8. Lost song
    9. Care
    10. Hopeful
  • CD 2
    1. Yar, ko parag Boyin mernem
    2. Mardigi yerk
    3. Hingalla
    4. Seta
    5. Zinwori mor yerk
    6. Kun yeghir, balas
    7. Sareri howin mernem
    8. Sari sirun yar
    9. Yeraz
    10. Yel, yel...
    11. Agh'tschig sirunag

Gesamtspielzeit: 70:49 min.

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