Bon Iver - Bon Iver

Bon Iver- Bon Iver

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 17.06.2011

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Gemeinsam einsam

Es ist immer noch viel zu präsent, als dass wir uns lange zurückerinnern müssten. Anno 2008 veröffentlichte Justin Vernon als Bon Iver mit "For Emma, forever ago" ein deprimierendes, aber doch wärmendes Album, das zwar zunächst etwas Zeit benötigte, bis auch der allerletzte Mensch von diesem kleinen Mirakel erfuhr. Dafür blieb es aber um so länger in den Herzen, hatte sich dort wohl und mollig eingenistet und ist bis heute nicht gegangen. Das Debüt wurde von Vernon quasi einsam und allein in einer abgelegenen Jagdhütte irgendwo im Hinterland Wisconsins aufgenommen und hinterher im Studio ganz sachte noch hier und dort mit fabelhaften Instrumenten und Stimmen angereichert. So ganz solo war dieses Album also doch nicht, von einer Band konnte man aber auch noch nicht sprechen.

Bon Iver hätten nun den einfachen Weg gehen und ein zweites "For Emma, forever ago" aufnehmen können. "Bon Iver" ist aber nun so ziemlich der Gegenentwurf des großartigen Vorgängers geworden. Dieses zweite Album ist tatsächlich so etwas wie eine Bandplatte, Justin Vernon ist nicht mehr alleine einsam. Die Songs sind mächtiger und ungreifbarer, ja geisterhafter, die Percussion ist mitunter überwältigend. Die vielen Instrumente flirren durch die Luft, legen sich Schicht um Schicht übereinander, laufen nebeneinander her oder drehen sich um sich selbst und ihre Kollegen. Das liest sich auf den ersten Blick zwar nach einem überproduzierten, eventuell chaotischen Album. Die wahre Größe von "Bon Iver" ist aber, dass sich alle einzelnen Versatzstücke auf gleichsam zauberhafte wie seltsame Weise zu ungeahnter Größe zusammenfügen und diese Platte dabei trotzdem eine umwerfende Fragilität behält.

Wie Justin Vernon und Kollegen es auf magische Weise schaffen, dieses immer vor dem Zerfall stehende Biest eines Albums zu zähmen, ist bisweilen ein großes Rätsel. Wo der Opener "Perth" noch konstruktiv nach und nach als Song wächst, der vor allem durch die majestätisch umherschwebenden Bläser, die marschierende Perkussion und die endlose Sehnsucht in Vernons Stimme aufblüht, droht sich "Minnesota, WI" jederzeit zu verabschieden. Was zunächst mit einem Ska-Rhythmus beginnt, flüchtet kurzerhand auf eine weite Fläche aus Synthesizer-Sounds und - wenn man einmal ganz genau hinhört - frei flottierenden Bläsern irgendwo im Hintergrund, driftet dann in folkartige Klänge aus Akustikgitarre und Pedal Steel ab. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, treffen sich alle Protagonisten auf ein kurzes Stelldichein, nur um danach endgültig in die Leere zu verschwinden. Liest sich seltsam, hört sich anstrengend an, entwickelt aber mit der Zeit genau jene sonderbare Sogkraft, die "Bon Iver" insgesamt so einzigartig macht.

Natürlich gibt es auch Songs, die eine Brücke zu "For Emma, forever ago" schlagen und den Zugang zu den sperrigeren Liedern erleichtern. Das überwältigend schöne "Holocene" lässt bis auf wenige kleine Einwürfe einen Song wirklich Song sein. Justin Vernons Texte wirken nicht nur hier eher wie ein weiteres Instrument und ordnen sich zumeist dem Gesamtzusammenhang unter. Vernons Stimme schwebt durch Raum und Zeit und versprüht trotz des größer angelegten Sounds erneut jene Einsamkeit, die einen schon vorher immer zum Mitweinen zwang. Auch "Towers" ist einer dieser wenigen, vergleichsweise konventionelleren Folksongs geworden. Ein "Flume", "Skinny love" oder "Re: Stacks", also Stücke, die sich nach vorne drängeln, gibt es auf "Bon Iver" trotzdem nicht. Und es macht das Album keinen Deut schwächer - denn es muss als Werk verstanden werden, das komplett gehört werden sollte, um wirklich alle Einzelteile, um jeden kleinen Schatz und alle kleinen Feinheiten herausschälen zu können. Ach, was man nicht alles erwähnen und beschreiben müsste, um diesem Album wirklich gerecht zu werden. Allein, es ist unmöglich.

Ganz am Schluss fällt dann doch noch ein Song aus dem nicht vorhandenen Rahmen, nachdem "Bon Iver" mit "Lisbon, OH" im Grunde schon sein wohlverdientes Ende fand. "Beth/Rest" geriert sich als 80er-Power-Ballade mit Stimme auf Hall und schmierig-sehnsuchtsvollem Bläsereinsatz. Das ist zwar zunächst gewöhnungsbedürftig und auch etwas seltsam ans Ende des Albums geklatscht, ergibt aber nach und nach immer mehr Sinn und fügt sich dem Rest. "I was not magnificent", leidet Vernon im Ruhepunkt "Holocene" und lügt natürlich, dass sich die Balken biegen. Vielleicht weiß er es auch wirklich nicht besser. "Bon Iver" ist jedenfalls bereits das zweite Wunderalbum dieser Band. Hier glänzt einfach alles.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Perth
  • Holocene
  • Towers
  • Calgary

Tracklist

  1. Perth
  2. Minnesota, WI
  3. Holocene
  4. Towers
  5. Michicant
  6. Hinnom, TX
  7. Wash
  8. Calgary
  9. Lisbon, OH
  10. Beth/Rest

Gesamtspielzeit: 40:56 min.

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ummagumma

Postings: 693

Registriert seit 15.05.2013

2015-11-08 19:34:21 Uhr
Grad nach langer Zeit mal wieder gehört
Echt ein starkes, stimmungsvolles, harmonisches Album was sich auch als zeitlos erweist.
Fast nur Highlights,außer vielleicht Towers, aber für mich insbesondere Perth und das Duo Hinnom,TX + Wash.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2014-11-06 09:35:34 Uhr
Ach, "Perth".....ich sollte es zum Quasi-Winter auch mal wieder rauskramen.
Donti
2014-11-05 21:37:16 Uhr
Erst heuer im März entdeckt, das ganze Jahr über sehr oft gehört und es zeigt keinerlei Abnutzungserscheinungen. Für mich das beste Album der letzten 5-6 Jahre!

MopedTobias

Postings: 7873

Registriert seit 10.09.2013

2014-07-02 22:21:32 Uhr
Joa, Beth/Rest von mir aus, der Rest ist in meinen Ohren kein klassisches Pop-Songwriting. Lässt sich aber sicher drüber streiten, heutzutage lassen sich Genregrenzen ja kaum noch wirklich abstecken.

"Pop lebte schon immer von..." ist so eine grauenhaft generalisierende Aussage, das muss man doch von Fall zu Fall einzeln bewerten, ein reduzierter Popsong kann genauso gut sein, wie ein Aufgeblasener.

PS: Beth/Rest ist der für mich schwächste Track auf dem Album, ist aber Geschmackssache.

captain kidd

Postings: 1539

Registriert seit 13.06.2013

2014-07-02 20:53:59 Uhr
bitte? bon iver kein pop? schon mal beth/rest gehört? das beste lied seines zweitlings?

pop lebte schon immer von überschwang und maskerade und fab und so. bodenständig ist tabaluga und gaslight anthem - aber nicht popmusik.
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