Bill Wells & Aidan Moffat - Everything's getting older

Bill Wells & Aidan Moffat- Everything's getting older

Chemikal Underground / Rough Trade
VÖ: 13.05.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Bart und Kauz

Dass Aidan John Moffat sich bereits mit Anfang Zwanzig gefühlt haben muss wie Methusalems Großmutter, davon legen so einige seiner misanthropischen Texte noch heute beredtes Zeugnis ab. Schon bei Arab Strap reimte sich die Freude am Exzess stets auf einen tiefen Lebensüberdruss. Und selbst die Sexbesessenheit nahm - von Moffat freudig exekutiert - mit seinen Soloprojekten und bei Aidan Moffat & The Best-Ofs zuletzt eher die Anmut eines Altherrenwitzes an. Dass er und Neukombattant Bill Wells mittlerweile tatsächlich so alt sind, wie es das Thousandcreasesdrawing des Covers von "Everything is getting older" suggeriert, darf dennoch milde bezweifelt werden. Denn schließlich hat Moffat in Wells endlich wieder einen Partner, der seinen altbewährten Sprechgesang auf großartige Arrangements zu betten weiß.

Wells ist ein waschechter Springinsfeld der Glasgower Musikszene, arbeitete bereits mit Isobel Campbell, The Pastels oder Jad Fair und steht ansonsten seinen eigenen Orchestern in Trio- bis Oktettstärke vor. Zudem half er Arab Strap über die Katerstimmung ihres "Monday at the Hug & Pint" hinweg. Seither schwelte die Idee zu einem Projekt zwischen Wells und Moffat - und kommt nun acht Jahre später tatsächlich auf den Kneipentisch. Ein Zeitraum, in dem der Bart schon mal ins nächste Jahrzehnt wachsen und der Kopfteppich extrem ausgedünnt werden kann? "In der Tat", würde dazu unser Experte Dr. A. Klenk meinen.

Die musikalische Mischung, die Wells für Moffat vorbereitet hat, ist indes mal so gar nicht von vorgestern. Zwischen Folk, Minimaljazz und mancher Elektronik dreht "Everything is getting older" vielmehr häufiger ins (Düster)Popfeld, als es Moffat zuletzt gelungen ist. "Let's stop here" und "The sadness in your life will slowly fade" sind melodisch astreine Klaviercrooner, die Moffats Organ einen perfekten Teppich klöppeln, rauchig über die Standbässe pumpeln und auch die Drama-Streicher nicht vergessen. "The copper top" unterschreitet die Stimmungsflaute noch, setzt zum Schluss mit spitzer Harmon-Trompete zum großen Mondgeheul an. Dass sich Wells und Moffat im zugehörigen Video als Bestattungsunternehmer inszenieren, spricht dann Bände in Selbsterkenntnis und -ironie, aber keineswegs dafür, dass sie sich mit diesen vorzüglichen Songs ihr eigenes Grab schaufeln würden.

Zumal auf "Everything is getting older" noch so einiges mehr passiert. "Glasgow jubilee" gibt eine etwas frohgemutere Version von Arab Straps Großtat "Love detective" zum Besten, mit zupackendem Beat, Wah-Wah-Riff und einer typisch schnodderschottischen Galavorstellung in sexist lyrics. "(If you) Keep me in your heart" und "The greatest story ever told" führen die Beatstrategie weiter, fügen sie aber mit den Piano- und Trompeten-Elegien zusammen. "Cages" und "Dinner time" nehmen hingegen die Score-Miniaturen von Moffats groß gescheitertem ersten Soloentwurf "I can hear your heart" auf, rütteln und schütteln dabei jedoch derart störrisch, bis noch dem letzten Blechbläser die Spucke wegbleibt. Dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt, dürfte noch nie ein sonderlicher Trost für Moffat gewesen sein. Schließlich benutzte er seine Jugend dazu, sein Alter gründlich zu ruinieren. Dass er zusammen mit Wells einen echten Jungbrunnen aus diesen Gebrechen entstehen lässt, ist jedoch vorerst Trost genug.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Let's stop here
  • The copper top
  • Glasgow jubilee
  • (If you) Keep me in your heart
  • The greatest story ever told

Tracklist

  1. Tasogare
  2. Let's stop here
  3. Cages
  4. A short song to the moon
  5. Ballad of the bastard
  6. The copper top
  7. Glasgow jubilee
  8. (If you) Keep me in your heart
  9. Dinner time
  10. The sadness in your life will slowly fade
  11. The greatest story ever told
  12. And so must we rest

Gesamtspielzeit: 39:17 min.

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