Frank Turner - England keep my bones

Frank Turner- England keep my bones

Epitaph / Indigo
VÖ: 03.06.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

König der Herzen

82.000 Menschen in einem kleinen Pub im südenglischen Winchester? Kaum möglich. Da aber Frank Turner jeden einzelnen seiner Facebook-Likers - und natürlich auch jene Anhänger, die sich ganz punkgerecht den sozialen Netzwerken verweigern - glücklich machen möchte, ist eine lange Reise in die Heimatstadt unseres Lieblingsbriten gar nicht erst nötig. Statt die Fans in seine Heimat einzuladen, wird Turner selbst aktiv, tourt durch die weite Welt, dass die Heide wackelt und spielt sich nach und nach auf die größeren Bühnen. Und damit auch jeder Einzelne sein Stückchen vom guten Frank bekommt, also auch die, die mittlerweile auf den Festivals weiter hinten stehen müssen, sind die Gitarren auf "England keep my bones" etwas lauter, der Sound insgesamt rockiger und die Gesten größer als gewohnt. Aber das Herz, das ist noch immer genau da, wo es hingehört.

Es ist Turners Verdienst, dass er trotz des manchmal vergleichweise bombastischen Sounds gar nicht erst versucht, eine Pose einzunehmen, die ihm nicht gerecht wird. Nein, stattdessen dürfte jeder Einzelne der zwölf Britfolk-Songs in komplett entschlackter Version auch in der Kneipe unten am Eck oder in der Bude eines Spezis ganz hervorragend funktionieren. Turner muss in Zukunft nur etwas aufpassen, dass ihm die kumpelige Intimität und die direkte Nähe zu seinem Publikum nicht abhanden kommt. Diese hatte ja vor allem "Love ire & song" ausgezeichnet - ein Album, das hier, an dieser Stelle, von einem mediokren Rezensenten rückblickend übrigens mit einem, wenn nicht sogar zwei Punkten zu wenig bedacht wurde .

"England keep my bones" tänzelt manchmal gefährlich auf der Schwelle zum Übermaß. Am großartigsten meistert "If ever I stray" diesen heißen Tanz und verbindet den Frank, der einfach eine Gitarre in die Hand nimmt und loslegt, ohne viel Brimborium, dafür mit ganz viel Herz und hohem Mitgröhlfaktor, mit dem anderen, den neueren Frank, der die Gitarren voll aufdreht und fast auf Stadiongröße aufpumpt. Dazu noch ein paar Bläser - und fertig ist das Meisterstück auf Turners viertem Studioalbum. Ansonsten sind es insbesondere die ruhigeren Stücke, die positiv ins Auge fallen und die einen Tick ernster als gewohnt ausfallen. Neben "Rivers" und "Wessex boy" ist dies vor allem der zweiminütige Vocal-only-Track "English curse", der eine blutrünstige Geschichte aus dem englischen Mittelalter erzählt.

Doch Frank Turner wäre nicht Frank Turner, wenn der Humor zu kurz kommen würde. Gleich der Opener verkündet zu erhabener Einmarschmusik: "Not everyone grows up to be an astronaut / Not everyone was born to be a king / Not everyone can be / Freddy Mercury / But everyone can raise a glass and sing" und zaubert ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen. Turner ist und bleibt tief drinnen Punk, egal wie groß der Sound und die Bühnen werden, und nimmt sich sein eigenes Do-It-Yourself-Motto zu Herzen: "On the day I die / I'll say: at least I fuckin' tried." Frank Turners zauberhafter Charme und schelmischer Witz sowie seine unglaublich einnehmende Menschlichkeit obsiegen erneut gegen alles Böse in der Welt. Lass Dich umarmen, Frank, im Zweifel von allen 82.000 Likers gleichzeitig. Auch "England keep my bones" ist erneut ein Album geworden, das mit der Zeit fester und fester in den Arm genommen werden möchte. Turner hat es schon wieder geschafft.

(Kai Wehmeier)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Rivers
  • If ever I stray
  • Wessex boy

Tracklist

  1. Eulogy
  2. Peggy sang the blues
  3. I still believe
  4. Rivers
  5. I am disappeared
  6. English curse
  7. One foot before the other
  8. If ever I stray
  9. Wessex boy
  10. Night become days
  11. Redemption
  12. Glory Hallelujah

Gesamtspielzeit: 44:17 min.

Threads im Plattentests.de-Forum