Jamie Woon - Mirrorwriting

Jamie Woon- Mirrorwriting

Polydor / Universal
VÖ: 27.05.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lange Schatten

Natürlich war das ein fantastischer Abend. Die Musik im Hintergrund störte nicht, im Gegenteil: Die soulig-elektronische Grundierung passte schlicht und ergreifend perfekt. Die Gespräche waren amüsant, erhellend, von wirklicher Tiefe: eine innige, intime Vertraulichkeit war spürbar, eine gemeinsame Wellenlänge musste nicht lange angepeilt werden. Der Barkeeper verstand seinen Job, mixte köstliche Drinks. Ein Knistern von ungeahnter Intensität lag in der Luft, füllte den Raum mit Spannung. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, ihre Augen funkelten sanft. Schnitt. Nächster Morgen: Leicht verkatert ins Badezimmer stolpernd, folgt die Ernüchterung. Nichts. Sie ist weg, keine Botschaft auf dem Spiegel. Einzig ihr Duft liegt noch in der Luft und lässt eine Ahnung von dem, was nicht sein sollte.

"Mirrorwriting" erzählt Geschichten wie diese. Geschichten von Lust, Leidenschaft und zwischenmenschlichen Abgründen. Jamie Woon, der junge Mann hinter dieser Platte, ist Brite und gilt als hoffnungsvoller Nachwuchskünstler. Seine Musik lässt sich schwer beschreiben, pendelt sie doch zwischen elektronischem Pluckern und einer wehmütigen Variante dessen, was landläufig Soul genannt wird. Ähnliches verhalf James Blake Anfang des Jahres zu einem regelrechten Überhype, doch die Unterschiede zwischen den beiden Künstlern sind markant: Jamie Woons Musik ist weniger körperlos, seine Stücke sind - speziell im Vergleich zu Blakes geisterhaften Chimären - regelrecht lustvoll und physisch greifbar. Sie streifen nicht nur wie ein Windzug, sondern packen und rütteln, bis man wieder aus den kühnsten Träumen erwacht.

In der Blogosphäre wird Woon schon für die gelungene Vermählung zweier musikalischer Richtungen gelobt, Elektro und Soul. Zwei Genres, die in ihrer Grundausrichtung oftmals sehr divergente Züge annehmen, sich grundverschiedener Mittel bedienen und folglich auch unterschiedliche Stimmungen evozieren. Heißkalt fließt "Mirrorwriting" durch den Äther, beseelt von kühler Elektronik und der weichen, warmen Soulstimme Woons. Der Opener "Night air" gibt gleich eine Richtung vor: Die Beats pluckern, Woons Stimme schwebt kilometerweit über dem nebligen Boden, Frauenstimmen konvergieren zu einem summenden Chor. Alles in allem klingt das dann ziemlich sexy, ohne auch nur einen Moment billig zu wirken oder sich an irgendeinen Trend anzubiedern.

Natürlich ist dies alles nicht bahnbrechend neu: Justin Timberlake machte diesen Sound salon- und chartsfähig, allerdings waren seine Stücke weniger subtil und intensiv. Woon kreiert vielmehr urbane Schattenspiele, sein Timbre hallt über den nachtschwarzen Asphalt, tanzbar sind seine Stücke hingegen nicht unbedingt. Die Nacht birgt Dramen, Tragödien und Romantik, meist liegen all diese Geschichten nah beieinander, bedingen sich gegenseitig, verpuffen mit einem Mal oder steigern sich zum furiosen Finale. Selbstzweifel sind omnipräsent, davon zeugt das herrlich melancholische "Shoulda". Wenn im größten Song des Albums, dem majestätisch-scheuen "Gravity" die Vergänglichkeit alles Seins besungen wird und die Akustikgitarre dazu aufblitzt wie Wetterleuchten, darf es dem Hörer kalt den Rücken runterlaufen. Ist sie wirklich weg? Vielleicht. Feststeht: "Mirrorwriting" ist das Nikotinpflaster für den Herzschmerz. Tut gut.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Night air
  • Shoulda
  • Gravity

Tracklist

  1. Night air
  2. Street
  3. Lady luck
  4. Shoulda
  5. Middle
  6. Spirits
  7. Echoes
  8. Spiral
  9. TMRW
  10. Secondbreath
  11. Gravity
  12. Waterfront

Gesamtspielzeit: 45:51 min.

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