Julian Perretta - Stitch me up

Julian Perretta- Stitch me up

Polydor / Universal
VÖ: 20.05.2011

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Verflixt und zugenäht

Ohne enge Beziehungen zu Großbritanniens besten Umgangssprachschulen würden wir jetzt immer noch glauben, dass Julian Perretta ein spitzenmäßiger Selbstironiker ist. Und zwar nicht nur, weil er in "1986", zwischen Kirmesorgel und Ska-Hip-Hop-Ringelpiez mit Anfassen, "You're just 23, girl" mahnt und selbst gerade erst 22 ist, sondern auch, weil wir den Albumtitel "Stitch me up" ansonsten mit "Näh mich zu" übersetzt hätten. Dass das Debüt des mittlerweile in Paris lebenden Engländers mit italienischem Vater und irischer Mutter aber "Hau mich übers Ohr" heißt, entbehrt ebenso wenig unfreiwilliger Komik. Den Witz erklären wir an dieser Stelle aber nicht. Viel wichtiger ist ohnehin der Warnhinweis, dass fast alles, was in diesen gut 40 Minuten passieren wird, in direkter Nachbarschaft der drei großen Ms des popmusikalischen Geschmacksirrgartens stattfindet: Maroon 5, Mika, Modern Talking. Mon Dieu!

Wie ist Perretta da nur bloß hineingeraten? Er war doch ein ganz normaler Junge, der fleißig Klavier und Gitarre lernte - auf "Stitch me up" darf er allerdings weder das eine noch das andere beweisen. Mit 16 schmiss er die Schule, jedoch nicht, um eine Karriere im Musikbusiness zu verfolgen, sondern weil er ein Stipendium an der renommierten Royal Academy Of Dramatic Art bekommen hatte. Shakespeare war ihm nach einem knappen Jahr aber zu öde, und eine spontan dahingetippte Nachricht im sozialen Netzwerk MySpace sollte die Weichen für seine Zukunft stellen. Virtual insanity. Und zwar im doppelten Sinne: Denn bei den Adressaten handelte es sich um Gitarrist Rob Harris und Keyboarder Matt Johnson von der Band Jamiroquai. Die beiden gestandenen Instrumentalisten, Songwriter und Produzenten waren zunächst etwas skeptisch, dass irgendein Londoner Teenie sie frech zum gemeinsamen Musizieren lud. Und dann machten die alten Hasen doch gemeinsame Sache mit dem jungen Hüpfer.

Große Sprünge sind dabei nicht herausgekommen, aber mit "Wonder why" wenigstens ein Top-10-Hit in Frankreich, der es hierzulande zwar nicht in die Charts, aber in die A-Rotation diverser Radiosender geschafft hat. Ja, genau, dieses beschwingte Liedchen mit den kurzangebundenen Vocals, hüpfendem Staccato-Piano und Fake-Trompete. Wenn man jedoch vom ähnlich gestrickten, sogar noch etwas hübscheren "Let me love you" und der netten Cover-Version von Denny Laines "Say you don't mind" absieht, ist "Stitch me up" eine mittelgroße Katastrophe. Man höre sich nur einmal den stupide stampfenden Titeltrack an, zu dem ein geschätzter Plattentests.de-Kollege kopfschüttelnd meinte, dass sich noch nicht einmal Maroon 5 so etwas trauen würden. Spätestens wenn Perretta zu einem kopulierenden Motown-Disco-Beat im schlüpfrigen und bemüht lasziv vorgetragenen "Ride my star" auch noch Zeilen wie "The sun looked hot / And the grass looked green / Her face looked pale / Under my rainbow machine" singt, wird es nun wirklich zu bunt.

"Urgently needed" bleibt genau zehn Sekunden lang interessant, bis die effektvolle Unterwassergitarre durch das übliche Tralala ersetzt wird. Die zusammen mit Guy Chambers geschriebene Nummer "King for a day" überzeugt höchstens mit ihrer Fähigkeit, Aerobic-Musik und Neunziger-Jahre-Boygroup-Sound miteinander zu vermählen, und für lyrische Plattitüden wie "He don't love you like I do / He's just so easy to see through" ist sich der immerhin adrette Engländer selbstverständlich auch nicht zu schade. Die Krönung folgt aber erst nach dem weitgehend farblosen "Kings and queens" - in Form einer scheußlichen, absolut unnötigen Euro-Disco-Version des Phoenix-Klassikers "If I ever feel better". Nichtsdestotrotz hat Perretta es ins Vorprogramm von Beyoncé und James Blunt geschafft, und auch mit Mark Ronson durfte er schon auf Tournee gehen. Auch wenn dem jungen Gastsänger pro Konzert nur ein Lied zugedacht wurde - nämlich das sonst von Daniel Merriweather intonierte The-Smiths-Cover "Stop me". Wie passend.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Wonder why
  • Let me love you
  • Say you don't mind

Tracklist

  1. Stitch me up
  2. Wonder why
  3. Ride my star
  4. Urgently needed
  5. King for a day
  6. 1986
  7. Let me love you
  8. Like I do
  9. Kings & queens
  10. If I ever feel better
  11. Say you don't mind (Bonus track)

Gesamtspielzeit: 41:03 min.

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