Anyone - Anyone

Anyone- Anyone

Roadrunner / Universal
VÖ: 04.02.2002

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hypotonie und kalte Füße

Ein Proberaum im Orange County. Keine Fenster. Trotz der vielen bunten Tücher wirkt die Einrichtung eher nüchtern, doch die Technik ist vom Feinsten. Hier muß Sänger und Gitarrist Riz Story lange Zeit verbracht haben, zum Teil allein, oft aber auch mit dem Bassisten Static und Stockschwinger Ransom. Wenn Anyone sich in ihrem Proberaum treffen, wird hart gearbeitet. Einfach die Instrumente einstöpseln, ein paar Bierchen zischen und loslegen ist ihre Sache nicht. Da werden Breaks geübt, bis sie sitzen, Läufe ausgetüftelt, die anderen Instrumentalisten die Finger brechen könnten und Songs um diese Technikschmankerl herumkonstruiert.

In den wohlverdienten Pausen laufen über die Referenz-HiFi-Anlage Meisterwerke der progressiven Rockmusik. Immer wieder springt einer der Musiker auf, spult am CD-Player ein paar Sekunden rückwärts und ruft mit leuchtenden Augen: "Da, da, ist das nicht ein geiles Lick?" oder "Hier, genau den Gitarrensound meinte ich für den Subdominant-Sext-Akkord in Takt 37 von unserem neuen Stück." Der CD-Haufen im Anyone-Proberaum ist riesig, die Platten stammen aus mindestens vier Dekaden. Der Stapel, auf dem "80er Prog-Metal" steht, ist ein Stück höher als die anderen.

Jede Platte, die Anyone in den letzten 20 Jahren gehört haben, scheint ihre Spuren in ihrem selbstbetitelten Zweitling hinterlassen zu haben. Die Scheibe bietet eine wilde und durchaus nicht chaotische Mischung aus nahezu allem, was der "hart, aber melodisch" ausgerichtete Musikinteressierte auf dem Weg zum eigenen Geschmack mal gehört hat. Inklusive der Sachen, für die man sich im Nachhinein ein bißchen schämt. Anyones Musik-Konzentrat wurde selbstredend technisch absolut perfekt auf den Toträger gebannt. Die handwerkliche Leistung nötigt dem eingeweihten Hörer ein ansehnliche Portion Respekt ab.

Was "Anyone" dagegen leider fast völlig abgeht, sind Wärme, Herzblut oder hörbarer Enthusiasmus. Das ist nicht die analytische und klaustrophobische Kälte einer Tool-Platte oder die ästhetisch begründete Blutarmut von Nine Inch Nails. Bei Anyone fehlt das Blut, weil der Kreislauf nicht in Gang kommt. Deshalb bleiben dann eben auch die Füße kalt. Es fehlen Hooklines, Passagen mit Wiedererkennungswert. Vielleicht fehlen auch einfach ein paar gute Songs. Und ganz nebenbei nerven diese unsäglichen, aber allgegenwärtigen Winselgitarrensolos. Die meisten Modeerscheinungen der Achtziger Jahre sind eben aus gutem Grund von der Bildfläche verschwunden.

(Rüdiger Hofmann)

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Highlights

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Tracklist

  1. Giving thrills
  2. Don't wake me
  3. Lazy hazy
  4. Whole world's insane
  5. Hitches
  6. Slaves (part 2)
  7. Real
  8. Fly
  9. Turnaround
  10. Running dry
  11. Drops of miracle
  12. She
  13. Peace love toxic
  14. Dear Sylvia
  15. Kissing God
  16. Wait until morning

Gesamtspielzeit: 64:10 min.

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