The Leisure Society - Into the murky water

The Leisure Society- Into the murky water

Full Time Hobby / Rough Trade
VÖ: 06.05.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Schatztaucher

Wenn eine Schneeflocke auf Wasser fällt, erzeugt sie einen schrillen hohen Ton. Dieser kann eine Frequenz von bis zu 200 Kilohertz besitzen. Was das mit The Leisure Society zu tun hat? Nun, sie gehören zwar nicht zu den leidtragenden hellhörigen Fledermäusen, befassen sich aber trotzdem mit den Kapriolen der Aggregatzustände. Wir erinnern uns: Das bezaubernde "The last of the melting snow" vom ebenso des Dahinschmelzens würdigen Album "The sleeper" wurde zu Recht für den renommierten Ivor-Novello-Award nominiert - und ging zu Unrecht leer aus. Sänger Nick Hemming, ein leidenschaftlicher Beobachter des nah am Wasser Gebauten, bereiste für das Folgewerk ein halbes Jahr lang die britische Küste, um sich von den Launen der Natur inspirieren zu lassen. Schließlich hatte er gar keine andere Wahl, als zu erforschen, was vom Tauwetter übrig geblieben war, und sich "Into the murky water" zu stürzen. Mit dem Kopf voran, mit kraftvoll ruderndem Herzen und mit bittersüßen Ködern am Angelhaken.

In Anbetracht der Tatsache, dass The Leisure Society bislang immer ein geräumiges Beiboot für die liebe Melancholie brauchten, verwunderte es doch ein wenig, was Hemming vor ein paar Wochen in einem Interview verlauten ließ: "We've accidently made a summer album." Huch! Noch erstaunlicher ist, dass nach diesen zehn Songs niemand mehr an seiner Aussage zweifeln wird. Selbstverständlich steckt in ihnen immer noch eine gute Portion nebliger Herbstdepression, aber in der Musik wärmt nicht nur der nahende Sommer, sondern blühen sogar herrlich duftende Frühlingsgefühle - so fröhlich und beschwingt hat man die acht Damen und Herren aus London jedenfalls noch nicht gehört. Der eröffnende Titeltrack "Into the murky water" betört schon in seinen ersten Sekunden mit sonnendurchfluteter Percussion, zu der sich eine ausgelassen tänzelnde Marimba gesellt, während vergnügte Querflöten vorbeihuschen, an deren Fersen sich ein eindrucksvoll summender Violinenschwarm heftet. Erich Kästner würde vermutlich an dieser Stelle anmerken, dass es in den Adern dieses Liedes "rollt wie süße Sahne" .

Man ahnt also schon sehr schnell, was einen in dieser Dreiviertelstunde erwartet: Ein perfekt arrangiertes, wunderbar detailverliebtes Album mit einer unglaublichen Fülle höchst memorabler Melodien. "Dust on the dancefloor" macht da keine Ausnahme und lässt zu herrlich pulsierendem Sechziger-Jahre-Pop die Streicher frohlocken und einen multiplen Hemming den Refrain jubilieren. Wer sich nun etwas besorgt fragt, ob das Balladenpotenzial der Briten mittlerweile auf Eis liegt, kann sich beruhigt selbiges in ein Glas würfeln, Fruchtiges in Begleitung von Alkoholischem dazuschütten und sich entspannt zurücklehnen - denn "Our hearts burn like damp matches" ist genau das: außerordentlich tiefenentspannt. Und dazu noch eine ebenso harmonische wie herzergreifende Häkelarbeit aus pastellfarbener Akustikgitarre und kristallklaren Pianotupfern. "Trust in me / And I will trust in you." Schlicht und ergreifend.

Dass The Leisure Society längst diverse prominente Fans haben, unter ihnen Brian Eno, wird wohl niemanden mehr erstaunen. Hemming schreibt trotzdem nach wie vor sympathische Underdog-Songs wie "I shall forever remain an amateur" oder singt im grandiosen "You could keep me talking" von seiner nicht vorhandenen Smalltalk-Begabung. Mit einem schnittigen Streicher-Arrangement als augenzwinkerndem Dialogpartner und einer simplen Erkenntnis: "My internal monologue speaks for itself." Eine der größten Stärken dieses Albums ist es dann auch, dass es seine Protagonisten ausreden lässt - auch Instrumental-Teile dürfen sich prächtig entfalten, wie beispielsweise in der holzbläserverzierten, opulent arrangierten ersten Single "This phantom life". Das hinreißend orchestrale "The hungry years" zitiert würdevoll Burt Bacharach und hat die Weisheit "My fear of flying keeps me grounded" parat, "Although we all are lost" erweist sich als wunderbar liebliches Chorstück mit Schunkeloption, und "Better written off (than written down)" schielt mit lakonischem Bass und aufgewecktem Banjo nicht nur mit einem Auge in Richtung Americana. Das alles lässt sich aber natürlich auch in einem Satz resümieren: Wer in "Into the murky water" eintaucht, findet einen wahren Schatz.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Into the murky water
  • You could keep me talking
  • This phantom life
  • The hungry years

Tracklist

  1. Into the murky water
  2. Dust on the dancefloor
  3. Our hearts burn like damp matches
  4. You could keep me talking
  5. Although we all are lost
  6. This phantom life
  7. The hungry years
  8. I shall forever remain an amateur
  9. Better written off (than written down)
  10. Just like the knife

Gesamtspielzeit: 44:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
musie
2013-04-07 11:10:51 Uhr
die haben ein sehr gelungenes neues album
mic
2011-05-28 16:55:29 Uhr
grandios
Gordon Fraser
2011-05-23 16:51:21 Uhr
Auf jeden Fall wieder eine gelungene Platte. Aber besser als das Debüt? Sehe ich momentan (noch) nicht.
Gordon Fraser
2011-05-13 20:52:12 Uhr
01. Into The Murky Water
02. Dust On The Dancefloor
03. Our Hearts Burn Like Damp Matches
04. You Could Keep Me Talking
05. Although We All Are Lost
06. This Phantom Life
07. The Hungry Years
08. I Shall Forever Remain An Amateur
09. Better Written Off (Than Written Down)
10. Just Like The Knife

Gar nicht mitbekommen, das da was Neues kam. Ich bin gespannt - das Debüt (und die Bonus-EP) war eine der schönsten Entdeckungen 2009.
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