Komplizen Der Spielregeln - Lieder vom Rio d'Oro

Komplizen Der Spielregeln- Lieder vom Rio d'Oro

Sitzer / Broken Silence
VÖ: 13.05.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hatz und Gold

Komplizen Der Spielregeln sind eine Band des Dagegens. Eindeutig, unmissverständlich und, am wichtigsten, ohne viel Federlesens. Die stimmliche Stakkato-Präsenz ihres Sängers Tobias Ortmanns ist wohl das auffälligste Icon dieser Direktheit. Doch auch musikalisch definieren sie sich immer weiter in einen 90er-Noisepop hinein, der ausgerechnet all jenen seltsam vorkommt, die ansonsten die immergleiche Folkrock-Tretmühle der hiesigen Indie-Bagage für ausschließlich in Lichtjahren zu messende Quantensprünge halten. Dabei ist das eine wie das andere eigentlich altbekannt. Was jeweils keinesfalls "schlecht" heißen muss.

"Lieder vom Rio d'Oro" nimmt diesen Zwie- bis Fünfspalt gleich in seinem Titel auf. Zwischen ehemaliger Kolonialprovinz und Discounter-Direktsaft spielen Komplizen Der Spielregeln ein Spiel der doppelt falschen Namen. "Dahinten marschieren Sinneinheiten", doch "mit der Kopie der Kopie fahren wir besser." Man könnte auch sagen: Die Kölner Fünferbande weiß zwar nicht so wirklich, wo sie sich befindet, dafür aber ganz genau, dass das heutzutage überhaupt niemand mehr wissen kann. Oder jemals wusste. Damit ist der Ansatz gefunden und das Programm erfasst: "Nimm mich in den Arm / Und lass uns in Bildern reden / Denn unser Weltmarktführer ist im Krieg."

Was folgt, wirkt dann zunächst weniger verschlungen. Gleich "Befehl von oben" und "Ansichtskarte" bieten zupackende Sonic-Youth-Riffs, die sich höchstens einmal von ihrem Weg abbringen lassen, wenn Ortmanns nicht nur etwas im Lied, sondern auch gegen es klarstellen muss. Oder wenn ein melancholisch ausperlendes Gitarrenspiel von einem mehrstimmigen Gesangsverein übermannt wird, dem weder Band noch Produzent Hannes Jaeckl so recht über den Weg trauen - und ihm deshalb ein Referenzmodell von Kirchentags- bis Kinderchor bauen, um es langsam wieder einzureißen.

Zu den akustischen Akkorden von "Version", dem wunderbar verknoteten Midtempo von "Die Aufständischen" und dem abschließenden, düsteren, beinahe Bauhaus-haften "Ziel" kehrt dann Ruhe ein. Die Gitarren kommunizieren in proto-mathrockenden Kaskaden, schwelgerischen Delays und steuern bei "Sonstiges" durchaus ein großes Mogwai-Finale an. "Polaroid" und "In Serie" üben sich hingegen wieder in geräuschvollem Kopfnicken und haben auch allen Grund dazu. Selbst Ortmanns' Phrasierungen gehen in leichten Funk über, fühlen den Takt und unterstützen ihn tatkräftig. Wie auch seine Texte eine kleine Wandlung vollzogen haben.

Denn auf "Lieder vom Rio d'Oro" gerinnt Ortmanns' gewohnter assoziativer Rundumschlag durch sprachliche Formelhaftigkeit und Formbarkeit zu "schlankeren" Bildern, die etwa bei "Aufmerksamkeit" oder "Machen" teils ins Dadaistische ausweichen. Da im Zweifel aber eben noch der größte Quatsch wenigstens Dada ist, sollte wohl noch etwas mehr dahinterstecken. So entsteht eine Metaebene zu dem exorbitanten, teils geradezu geschwätzigen Fragenkatalog, der "Es wird nur noch geatmet" durchzog. "Eine Stimme aus dem Off: Scheißen Sie bitte das Bild zu! / Damit ich behaupten kann, dass ich noch was zu erzählen habe." Aus Fragen werden Zweifel, und diese fordern folgerichtig eine weitaus benennendere, direktere Sprache.

Damit ist das einzige, was "Lieder vom Rio d'Oro" im Vergleich zum Vorgänger ein wenig abgeht, die kongeniale konfrontative Verschmelzung von musikalischem und sprachlichem Ausdruck. Bei "Erinnern" und "Deutschland 404" entspricht der feedbackende Noise ziemlich genau dem verbalen Alltags-Krach, und auch sonst werden die Schläge, die Ortmanns in den Songkörper auszuteilen weiß, stets abgefedert bis aufgehoben. Und doch haben Komplizen Der Spielregeln nach wie vor Großes anzubieten: Ihre Selbstzweifel sind weder Selbstzweck noch Haltung, sondern einmal mehr Grund genug, um sie aufwiegelnd und unverblümt nach außen zu feuern. Es gibt sicherlich einfachere Wege, sich Freunde zu machen. Aber auf dröge Verschwisterungen legt es diese Band eben von vornherein so gar nicht an.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Befehl von oben
  • Ansichtskarte
  • Sonstiges
  • Die Aufständischen

Tracklist

  1. Weltmarktführer
  2. Befehl von oben
  3. Ansichtskarte
  4. Erinnern
  5. Aufmerksamkeit
  6. In Serie
  7. Polaroid
  8. Sonstiges
  9. Version
  10. Machen
  11. Die Aufständischen
  12. Deutschland 404
  13. Ziel

Gesamtspielzeit: 51:46 min.

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