Jesse Sykes & The Sweet Hereafter - Marble son

Jesse Sykes & The Sweet Hereafter- Marble son

Fargo / Indigo
VÖ: 22.04.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das süße Jenseits

Es soll tatsächlich noch Leute geben, die bei Americana nur an rustikalen Holzhütten-Folk denken. Doch zwischen Appalachen-Hinterwald und Grand Ole Opry liegt die eine oder andere Welt. Die großen Versöhner der sechziger Jahre halfen der amerikanischen Volksmusik dabei, sich zu emanzipieren. Dylans "Basement tapes" ging es um die Besinnung auf heimatliche Traditionslinien, auf die Musik, die entlang jener Highways und Eisenbahnrouten gesungen wurde und gesungen wird, die eben auch an Nashville vorbeiführen. Gram Parsons führte Country, Folk und Rock zusammen, weil ihm der Sinn nach Cosmic American Music stand. Auch er wusste, dass Folklore nur dann existieren kann, wenn sie den Kontakt zur Gegenwart aufrechterhält.

Jesse Sykes hat dies hervorragend verstanden. Die Musik von The Sweet Hereafter, die sie vor neun Jahren gemeinsam mit Ryan Adams' ehemaligen Whiskeytown-Kollegen Phil Wandscher gründete, zieht ihre eigenen Schlüsse aus der Vergangenheit. Die eigenen folkigen Anfänge erweiterte die Band für "Like love lust and the open halls of the soul" um flirrende Westcoast-Seligkeit und exzentrische Harmonieführungen. Weil Sykes Forscherdrang damit nicht gestoppt war, gesellte sie sich zwischenzeitlich gerne zu unvermuteten Partnern: Ihre rauchige Stimme faszinierte über dem wunderbaren Drone-Mahlstrom, den Sunn0))) und Boris 2006 auf "Altar" verbreiteten. Gemeinsamen Touren mit den Drone-Doom-Pionieren Earth oder den Neo-Psychedelikern Black Mountain war sie ebenfalls alles andere als abgeneigt. All dies ergänzt die Überlieferung.

So kann gleich das eröffnende "Hushed by devotion" mit seinen wallenden Gitarren und wuchtigen Grooves eine Brücke zwischen Geisterbeschwörung, Neo-Prog und britischer Psychedelia bauen. Auch das Titelstück richtet mit ätherischem Chorgesang erst noch Grüße an Brian Wilson und seine Beach Boys aus, bevor die gemächliche Hymne "Come to Mary" mit der Pedal Steel an Parsons Idee der kosmischen Americana gemahnt und doch ebenso in Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band mitmarschieren könnte. Es ist alles Folk, aber es klingt selbst dann viel lauter, wenn die Musik leise wird.

In den Sechzigern hätte man sie für "Servant of our vision" Judas geschimpft, in den Siebzigern wäre sie mit dem Doppelpack "Birds of passerine" und "Your own kind" eine goldene Göttin geworden. All diese Songs tragen die Sonne im Herzen, davon lenken auch wolkige Arrangements und blumige Gesänge nicht ab. Wenn Sykes in "Ceiling's high" durch die Melodie tänzelt flattert, schmeckt man den Blütenstaub, und am Ende flirten die brummenden Gitarren auch noch mit den lieben Bienchen. Immer wieder flackern die Röhren der Gitarrenverstärker auf, um breite, hallige Harmonien auszuleuchten, auf denen sich Sykes heiseres Organ räkeln kann. "Marble son" ist vielleicht kein ausgewachsener Drogenrausch, aber mindestens ein schillernd gebatiktes Holzfällerhemd.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Hushed by devotion
  • Come to Mary
  • Pleasuring the divine
  • Your own kind

Tracklist

  1. Hushed by devotion
  2. Marble son
  3. Come to Mary
  4. Servant of our vision
  5. Ceiling's high
  6. Be it me, or be it none
  7. Pleasuring the divine
  8. Weight of cancer
  9. Birds of passerine
  10. Your own kind
  11. Wooden roses

Gesamtspielzeit: 57:51 min.