Okkervil River - I am very far

Okkervil River- I am very far

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 06.05.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Dem Himmel so nah

Das Kapitel Shearwater hat sich für Will Sheff erledigt, zumindest vorerst. Das lässt sich mittlerweile sogar sagen, ohne dass es dem Herzen einen Stich versetzt. So müssen eben auch immer die positiven Aspekte einer Trennung betrachtet werden. Nicht, dass Shearwater schlecht zu Sheff gewesen wäre. Aber vielleicht hätte ihn diese Beziehung nach und nach von anderen elemantaren Dingen abgelenkt. Und Sheff gehört nun einmal in erster Linie zu Okkervil River. Alles andere kann und sollte nur danach kommen. Einer routinierten Beziehung dann durch dritte Personen wieder zu neuem Schwung verhelfen zu wollen, kann klappen, muss aber nicht. Nun sagt hier ja niemand, dass das Album "True love cast out all evil", das aus der Zusammenkunft von Okkervil River und Roky Erickson entstand, nicht gut funktioniert hätte. Nur war der Schwung nicht besonders hoch und leider auch etwas lahm. Aber das heißt ja nichts.

Denn seitdem ist immerhin ein knappes Jahr vergangen, in dem Sheff sich seinem Hauptprojekt widmen konnte. "I am very far", das sechste Album von Okkervil River, sorgte dabei bereits im Vorfeld für Stimmungsschwankungen. Die Single "Wake and be fine" polarisierte, und während es bei den einen den unsäglichen Durst nach dem neuen Album nur weiter stärkte, hatten es einige andere schnell wieder satt. Zugegeben, von den elf Songs auf "I am very far" ist dieser einer von jenen, für die man sich ein wenig mehr Zeit nehmen muss. Pompös aufgemotzt an die Phil-Spector-Ära erinnernd, mit Streichern, Piano und stampfendem Beat versehen, packt das kürzeste Stück des Albums den Hörer vielleicht erst nach mehrmaligen Hören, dann aber umso mehr. Dennoch entpuppt sich "Wake and be fine" als einer der opulentesten Songs von Okkervil River überhaupt, eine Facette, bei der sich das Hinhören durchaus lohnt.

Ganz anders verhält es sich beim poppiger geratenen "Piratess", einem ihrer typischen Mitsingstücke, das hier vom Bass und den Drums getragen wird. Zur Mitte hin wird dann die Geschwindkeit deutlich angezogen, mit kleinen Soundschnipseln gespielt und die eine oder andere Pause eingebaut, die das Interesse nur weiter schürt. Das düstere "White shadow waltz" hingegen, das nach einer Mischung aus Arcade Fire und Lou Reed klingt, verliert in den Anfangssekunden zunehmend an Höhe, bis es sich schließlich langsam erholt und in einer um sich wütenden, anstrengenden und einnehmenden Fahrt wieder an Boden gewinnt. Okkervil River spielen wie in der Vergangenheit mit Emotionen und wissen dies gut zu instrumentieren beziehungsweise zu instrumentalisieren - ja, gerne auch in diesem Sinne. Und so mag das beklemmende Gefühl bei "White shadow waltz" reine Kopfsache sein. Bevor man sich diese Frage allerdings beantworten kann, ist alles auch schon wieder vorbei - und geht im romantischen "We need a myth" von vorne los.

Ausgestattet mit zwei Bässen, zwei Schlagzeugsets, Streichern und mehreren Gitarren, steigert sich "We need a myth" immer weiter hinein in ein gigantisches Feuerwerk verschiedener Sounds und Elemente, zieht den Hörer weit mit hinauf, beschwingt ihn von allen Seiten und lässt ihn schließlich am Ende einfach wieder runtergleiten, als wäre nichts gewesen. Dafür darf man sich zum groovenden "Your past life as a blast" gerne kurz entspannen zum mehrstimmigen Gesang, dem Chor und den Congas im Hintergrund, als würde Sheff versuchen, hier jedes noch so kleine, bisher kaum beachtete Detail unterzubringen. Das Experiment glückt, und wieder spielt sich das zu vermittelnde Gefühl zuerst im Kopf ab, bis auch der Rest des Körpers glückselig und voller Wärme die letzten Meter dieser emotionalen Achterbahn auf sich nimmt. Im abschließenden "The rise" zeigen sich Okkervil River dann so, wie man es immer von ihnen erwartet, obwohl sie noch viel mehr sind. Die Stimmungslage erreicht einen weiteren Höhepunkt, empfindungsschwanger entlädt sich der letzte Augenblick von "I am very far" - und ist am Ende doch so nah.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • White shadow waltz
  • We need a myth
  • Your past life as a blast
  • Wake and be fine
  • The rise

Tracklist

  1. The valley
  2. Piratess
  3. Rider
  4. Lay of the last survivor
  5. White shadow waltz
  6. We need a myth
  7. Hanging from a hit
  8. Show yourself
  9. Your past life as a blast
  10. Wake and be fine
  11. The rise

Gesamtspielzeit: 51:00 min.

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