Enablers - Blown realms and stalled explosions

Enablers- Blown realms and stalled explosions

Exile On Mainstream / Southern / Soulfood
VÖ: 06.05.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mumien, Monstren, Mutationen

Die Enablers als Geisterbeschwörer zu bezeichnen, wäre wohl die Untertreibung des noch jungen Jahrtausends. Mit Okkultismus, Gläserrücken oder blauschwarz geschminkten Mundwinkeln hat ihre Musik mal rein gar nichts zu tun. Auch nicht mit sonstigem jenseitigem, himmelsstürmendem oder höllenfahrendem Nonsens. Vielmehr sind die bösen Geister, die ihre Musik sehr wohl bevölkern, solche einer allzu dichten Realität. Denn das Diesseits ist das vorrangige Problem jeglicher Jetztzeit. Es gibt allerdings nur wenige Bands, die es wagen, von diesen Feuertaufen zu berichten. Enablers waren schon immer eine davon. Und vielleicht sind sie heuer sogar die beste unter ihnen.

Dabei spielt "Blown realms and stalled explosions" durchaus ein freundlicheres Spiel als seine drei Vorgänger. Und auch Cheferzähler Pete Simonelli findet den Groove immer leichter. Gleich "Patton" bindet seinen kratzbürstigen, bitterbösen Funk in eine melancholisch von unten drückende Klimax, die an die frühen Shiner gemahnt und beinahe als Refrain durchgehen kann. Auch "Cliff" zickt und röhrt nur für gute drei Minuten über die Gitarren, schraubt sich dann aber in ein trauerndes Delay, das sich mit ein paar Vibraphontupfern das Mütchen kühlt. Und "Career-minded individual" deutet mitten in seinem Grummelriff gar eine Dur-Auflösung an, um sich schließlich irgendwo zwischen Mogwai und Godspeed You! Black Emperor festzubeißen.

Das Licht, das auf diese Weise immer wieder wie durch dichten Nebel auf den nassen Asphalt dieser Songs fällt, wird allerdings als linkisches Versprechen untergemischt. Denn der glückliche Ausgang ist stets mindestens gefährdet - weshalb "Blown realms and stalled explosions" vor Spannung nahezu pulsiert. Schon klar: Einem Sänger, der die Totenwache am Bett eines geliebten Menschen thematisiert, wird man kaum mit Samba-Shakern kommen können. "When the last breath did come, he looked right at me / And then he passed on / They wheeled out the small, emaciated body under a white sheet / Most of the land around was dead right along with him." Wer jetzt denkt, das sei vielleicht die stockdunkle Seite von Death Cab For Cuties "I will follow you into the dark", der hat gar nicht einmal so unrecht. Enablers, und Simonelli vorneweg, kämpfen nicht mit Güte und Zuversicht gegen die harte Wirklichkeit, sie dokumentieren alle Facetten des Kampfes gegen sie. Und seit neuestem gehören eben auch die Hoffnungsschimmer dazu.

"Hard love seat" etwa wirbelt durch einen zwar aufgekratzten, jedoch beinahe hüpfend gestimmten Groove - ein Freispiel für die Band und vor allem für Neuschlagzeuger Doug Sharin (Codeine, June Of 44, HiM), weil Simonelli dazu nun wirklich nichts mehr einfällt. Dafür fährt er beim folgenden, von Beginn an wummernden und krachenden "Rue Girardon" mit herrischem Timbre die Akkorde an und lässt sich auch vom all den Zorn kongenial unterlaufenden Backgroundgesang kaum beruhigen. Das gelingt erst der zu einem abgestoppten Riff zusammengefassten, die Snare immer genau zwischen die Viertel setzenden Metrik von "Visitacion Valley", mit der die Band ihren Mr. Grumbling Words gar zu kleinen Ghost Notes in Richtung Gesangslinie bewegt.

So bleiben Enablers auch mit "Blown realms and stalled explosions" Schlagschatten in der Dunkelheit. Sie waten durch ihre Songs wie durch eine sirupartige Untiefe, immer weiter auf ein elektrisches Gewittern am Horizont zu. Trotz all ihrer Schwärze und stets unterdrückten, doch mit unbändiger Kraft unter der Oberfläche pochenden Wut ist diese Musik eine wahre Bilderflut. Man muss sie nur aushalten können. "Leaning against the door jamb at 5:13 AM / Wondering what the hell he's going to do with his hands." Nun, applaudieren wäre wohl eine Option. Wenn man damit nicht noch mehr Geister wecken würde, versteht sich.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Patton
  • Career-minded individual
  • Rue Girardon
  • Visitacion Valley

Tracklist

  1. Patton
  2. Cliff
  3. Career-minded individual
  4. Morandi: Natura morta #86
  5. No, not gently
  6. The reader
  7. Hard love seat
  8. Rue Girardon
  9. Visitacion Valley
  10. A poem for heroes

Gesamtspielzeit: 40:25 min.

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  • Enablers (11 Beiträge / Letzter am 28.04.2011 - 12:51 Uhr)