Memphis - Here comes a city

Memphis- Here comes a city

Arts & Crafts / Al!ve
VÖ: 25.03.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Apopkalypse

Bei Torquil Campbell kann man nie wissen. Wenigstens nicht so richtig. Auch wenn er hauptberuflich mit Stars erhabenen, edlen Pop produziert, der einen stets mit offenen Armen empfängt, geht der Kanadier nämlich nie so weit, als dass er das delikate Geheimnis seiner Musik vollständig lüften würde. Sind die dezenten Fuck-you-Äußerungen bei Liveauftritten ernst gemeint oder nur ein berechnendes Auf-den-Busch-Klopfen? War die Stars-Coverversion von "Fairytale of New York" ein tief empfundener Hofknicks vor dem weihnachtlichen Kaputtnik-Liebeslied oder lediglich ein schräger Witz? Und soll man ihm glauben, wenn Campbell "drugs" als maßgeblichen Einfluss für Memphis angibt, sein Nebenprojekt mit Freund Chris Dumont?

Der Trick an der Sache: Sobald die Musik läuft, interessieren solche Fragen nur noch am Rande. Denn der dritte Memphis-Longplayer ist keine Projektarbeit, sondern eine Herzensangelegenheit. Und rennt mit dem Titel, der vom Opener des Go-Betweens-Albums "Oceans apart" entlehnt wurde, zudem offene Türen ein - schließlich schwang bei Campbell schon immer die Melodieseligkeit und Melancholie klassischer Vertreter aus den Anfängen des gehobenen Indie-Pop mit. Bereits "Apocalypse pop song" zitiert luftiges, halbakustisches Johnny-Marr-Gitarrenspiel und den gefühligen Gesang von Robert Forster und Grant MacLennan - hat aber seinen ganz eigenen Kopf: "You wanna know why it's the end of the world today? / Because we said so."

Doch es gibt eben ein Licht, das niemals ausgeht. Auch auf diesem Album, das mitunter schwindelerregende instrumentale Verschwendung auffährt und dennoch präzise und fokussiert bleibt. Das treibende "I want the lights on after dark" schickt sich an, die bösen Geister zu vertreiben, falls jemand den Schalter nicht findet, und "What is this thing called?" oszilliert schwelgerisch zwischen Geburt und Tod, feiert aber genauso das Leben wie "I am the photographer" mit köstlicher Symphonik und hinreißendem Refrain. Und "Way past caring" kann nur listiges Understatement sein: Erst schleppt sich ein Piano träge daher, der Basslauf traut sich nicht richtig, in raues Gepolter auszubrechen, und am Ende steht trotzdem großes Pop-Kino mit ebensolchem Bläser-Apparat. Memphis kümmern sich eben doch. Sie können nicht anders.

Nun ist "Here comes a city" natürlich nicht das ganze Vergnügen - nicht ohne Amy Millan als zweite Stimme und die pointiert sarkastischen Wortgefechte, die sich Campbell mit ihr bei Stars zu liefern pflegt. Das sich mühsam aufrichtende Sieben-Minuten-Instrumental "Reservoir" kann da schwerlich als Ersatz dienen - um so mehr aber "Wait!", das Liebe auf den ersten Blick und deren Zerbrechen auf den Punkt bringt. Zunächst: "It changed the moment that I saw your face / Realization of my life's disgrace / You were the only one." Dann jedoch: "I don't love you anymore." Apokalypse ganz privat - in weniger als fünf Minuten. Doch womöglich haben Memphis bereits eine glückliche Wendung in der Hinterhand. "Here comes a city" hätte sie jedenfalls verdient. Und man kann ja bekanntlich nie wissen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Apocalypse pop song
  • What is this thing called?
  • I am the photographer
  • Way past caring

Tracklist

  1. Here comes a city
  2. Apocalypse pop song
  3. I want the lights on after dark
  4. 5 loops
  5. What is this thing called?
  6. I am the photographer
  7. Reservoir
  8. Wait!
  9. Way past caring
  10. M+E=me

Gesamtspielzeit: 43:29 min.

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