Annett Louisan - In meiner Mitte

Annett Louisan- In meiner Mitte

105 / Sony
VÖ: 08.04.2011

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Durchgelatscht

Trotz Kindchenschema, Babyface, Süßholzstimme und gerade mal 1,52 Meter über der Grasnarbe: Eigentlich ist Annett Louisan nach wie vor in einem Sex-And-The-City-Universum gefangen, in dem die Manolos nicht eben zum sicheren Tritt beitragen. Gleich der Titelsong ihres fünften Albums "In meiner Mitte" lässt etwa durchblicken, wie nahe Element Of Crime seit Jahr und Tag an der äußersten Grenze zum Kitsch entlangtorkeln - wenn nicht eben dieses Torkeln das Standbein wäre, das ihre Musik letztendlich stützt. Bei Louisan gibt es geschliffene, dahergebrasste Codes zwischen U und E, in einer Mitte-Mokka-Bar gebuchte Schokoladenkuchen, einen einzelnen dicken weißen Wollsocken und weitere bedeutungsschwangere, doch hilflos unpräzise Gesten in Text und Bild.

Dass noch irgendwie ein Eiffelturm mit aufs Cover musste und nun eben als Touristenattraktion vollkommen sinnbefreit da rumsteht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Louisan reimt Worte wie "reflektiern", "charmant" oder "graduell" und nennt ihre Geschlechtsgenossinnen mehr als einmal einfach nur die "Süßen" - weil das halt irgendwie mondän (gotcha) klingt. Beziehungsweise: Ihre Texterinnen von Annette Humpe über Ulla Meinecke bis Wiglaf Droste machen das. Doch sie alle haben auf "In meiner Mitte" ebensowenig ihren starken Tag wie Neukomponist Danny Dziuk.

Wobei andererseits auch ein gewisses Können nicht zu überhören ist: Zwischen Folkpop mit manchem Country-Slide und chansoneskem Swing oder Jazz zeigt sich die Musik stets hochkonzentriert, hellwach und jederzeit Herr der Lage - lässt jeweils aber genauso schnell wieder los, wie sie anpackt. Louisans Stimme ist der Taktgeber, und sie bindet den humpelnden Bluesrhythmus von "Zweite Chance" ebenso wie die Humppa-Ostalgie in "Pärchenallergie" oder das Karibik-Reggae-Tralala "Auf der Jagd nach Mr. Big". Auch die Schunkelei von "Verschwinde" trägt durchaus Züge von Entschlossenheit. Und doch ist hier jede Note derart aalglatt auf Feuilleton arrangiert, dass diverse ultramegasupraprivate Weingüter in ihren leergefegten Lagerhallen schon mal ein zünftiges Pils auf all die Torfköppe in ihrer Klientel dekantieren können.

Auch Louisan ist schließlich gerade mal Schnapsnase ihrer Empfindungen. Ihre Texte reihen sich um ein Panini-Album aus Typen, Schnuckis und "Süßen", die - eben - gegenseitig austauschbar bleiben müssen. Die Checkerinnen an der Bar, der unkultivierte Guttuer, der "starke" Tag, angezählte Kuschelpärchen, der entzogene Ex und dann auch noch tatsächlich Mr. Big: ein Ironie-Desaster von einem Text, dem jeder dahergelaufene Kulturmagazin-Fatzke der Landesrundfunkanstalt Ihres Misstrauens nur zu gerne "ein kunterbuntes Allerlei aus scharfsinnigen Alttagsbeobachtungen gewürzt mit kleinen Spitzen und Humoresken" attestieren wird - brrr. Aber macht ja nichts, wahrscheinlich ist man auch hier einfach "zu doof für Depression".

So bietet "In meiner Mitte" bestenfalls einen Ego-Ratgeber für alle Lebenslagen, versteckt sich dabei jedoch unter den Pailletten eines glitzernden Nichts, das auf dem Weg zum ewigen "Ich und Du und Müllers Kuh" quasi aus Zweckoptimismus heraus Selbstbehauptung übt. Urban will das sein - im Landhausstil. Oder auch erdverwachsen - im Großstadtdschungel. Rauchend auf den Bühnen des Nachtclubs und sich doch nur nach Geborgenheit sehnend - die Wetzspuren unter den High Heels. Spannend wäre das, wenn es auch nur ansatzweise eine Kollision oder Hybridität hinbekommen würde. Genau das aber hat Louisan ebenso wenig anzubieten wie ihre großen Mitstakserinnen auf HBO. Und deren Zeit ist ja nun auch schon längst unbedingt abgelaufen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Würdest Du?
  • Schöner starker Tag

Tracklist

  1. In meiner Mitte
  2. Verschwinde
  3. Würdest Du?
  4. Allein und beisammen
  5. Pärchenallergie
  6. Wenn zwei zueinander passen
  7. Auf der Jagd nach Mr. Big
  8. Schlaf (Morgen früh bist Du zurück)
  9. Kleiner Augenblick
  10. Zweite Chance
  11. Schöner starker Tag
  12. Von der Liebe
  13. Vorsicht - zerbrechlich

Gesamtspielzeit: 46:50 min.

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