Nicoffeine - Lighthealer stalking Flashplayer

Nicoffeine- Lighthealer stalking Flashplayer

BluNoise / Al!ve
VÖ: 25.02.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Altherrenschock

Was erhält man, wenn man The Jesus Lizard, Helmet, Merzbow, June Of 44, Unsane, Melt Banana, Don Caballero, The Mars Volta, Slayer, Atari Teenage Riot, fünfzig Pfund Rasierklingen und ein paar gut gemeinte Ratschläge in einen Prügelsack packt? Nein, keinen schlecht frisierten Mike Patton. Sondern nach wie vor, immer schon und ausschließlich: Nicoffeine, jenes Ungewitter aus dem Hause BluNoise, das zu "Lighthealer stalking Flashplayer" und einer Tracklist voll versteckter und weniger versteckter Ferkeleien zum vierten Mal seinen (Ahemm) Roarstock auspackt. Da stimmt das Sprichwort: Diese Band prügelt derart schnell und überall, es trifft wahrlich immer den richtigen (Nerv).

"Handjobs & runaways" ist so ein Stück, das sich erstmal auf gut sieben Minuten zwischen Hochgeschwindigkeit und monströs ausgebremsten Ibreaktogethers leerklopfen muss, bevor sich aus all dem Gitarrengeziehe, -geschlage und -gerutsche eine hymnische, all die Kraft überformende Melodie entspinnt. Wie Nicoffeine dahin kommen, wie sehr das Schleudertrauma dadurch ausgesetzt wird, wie frontal der Song schließlich doch noch vor die Wand fährt, um schlussendlich nur noch quietschende kaputte Scharniere und ausgekugelte Vergaserplopps zu produzieren - darin zeigt sich die kompositorische Dichte, die Nicoffeine in ihren Lärm legen.

Der ganz dicke Batzen von "Lighthealer stalking Flashplayer" legt davon bekreischtes Zeugnis ab. Werden die zehn Minuten geknackt, wird es lang und schmutzig. Bleibt es beim Popsongformat, wird es kurz und … schmutzig. Weil bei Nicoffeine die gesamte Strecke donnert und kracht, macht all das wahrlich keinen Unterschied. Geschweige denn Gefangene. Scheiß auch drauf, dass BluNoise-Chef Guido Lucas persönlich nach langjährigem Pegelgeschiebe den Bass übernimmt und auch Jörg A. Schneider zwar neu im Nicoffeine-Team, aber natürlich gar nicht neu im Noiserock-Kosmos ist: Wer tatsächlich meint, in letzter Zeit sei ein fordernderer und zugleich euphorisierenderer Lärm durch die Eingeweide gefegt als Nicoffeines "Ppartyzan vs. prominent tongue", der mag sich mal schön hintanstellen: Den Sack hat er nicht, die Prügel aber schon verdient - wenn wir hier nicht solch hartgekochte Weicheier wären, versteht sich.

Das 17-minütige "Bread & bitter gloriole" klinkt sich gar in den Wahnsinn der Flying Luttenbachers ein, halluziniert wie diese ein wogendes Meer aus rhythmischem Geklöppel und Gezuckel, transformiert deren Credo jedoch zu einem herzhaften "Noise Rock is Free Jazz". Denn in der Tat bewegt sich Soheyl Nassarys Gitarrenspiel genau zwischen dicken Noiseriffs, enervierendem Geräusch, Mathrock-Tappings und Metalanleihen - letzteres allerdings auch eher im Sinne der frühen, weniger hypnotischen, dafür um so psychotischeren Neurosis. Guido Lucas' Bassspiel gerät zu einem all die Wut in seismischem Infraschall erschütternden Derwisch, und Jörg Schneider am Schlagzeug ist ohnehin eine vielarmige Durga, stets kampfbereit, grundechauffiert und gut gelaunt dabei.

Masken, brunftiges Gebrüll und ähnliches Clownsgedöns brauchen Nicoffeine hingegen zu keiner Sekunde. Ihr Tor zur Hölle flimmert, flackert und brennt wie in einem Fiebertraum. Da können diverse Radaubrüder noch so manisch die Köpfe durchs Stop-Motion-Schütteln, die Gitarrensaiten runterstimmen, die Elektronik surren und fiepen lassen oder HART ganz zart zu Ende denken: Das hier versohlt ihnen allen aber mal so was von den Arsch. Denn noch das konservativste Haudrauf kann Leben retten und Welten zerstören, wenn man es nur kompromisslos exekutiert. Trotz des prall gefüllten Prügelsacks sind Nicoffeine eine Band ohne genreübergreifende, klangästhetische oder sonst wie konzeptionelle Sublimierung, sprich: ohne jegliches Arty-farty als Publikumsfänger. Stattdessen: ein einziger, in sich geschlossener, harter Brocken. Verdichtet lediglich aus musikalischem Willen und Können. Wer weniger will, wird sehen, was er davon hat.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Handjobs & runaways
  • Ppartyzan vs. prominent tongue
  • I always shine when you say Nein

Tracklist

  1. Holy hell of a Himmel
  2. MILF & honey
  3. Handjobs & runaways
  4. Prügelperser
  5. Bread & bitter gloriole
  6. Proteineache
  7. Ppartyzan vs. prominent tongue
  8. I always shine when you say Nein

Gesamtspielzeit: 65:51 min.

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