The Human League - Credo

The Human League- Credo

Wall Of Sound / PIAS / Rough Trade
VÖ: 11.03.2011

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die endlose Party

Es ist ziemlich dunkel bis auf die paar nervösen Lichtblitze. Stapfender Beat, markig, eindringliche Synthesizer und energetisches Körperkino auf der Tanzfläche. Schwitzend stößt Benno von nebenan irgendwo in Deutschland seine Bierflasche an den Mund und ist glücklich. Elisabeth aus der Bahnhofsstraße sieht auch ganz hübsch aus, und vielleicht geht heute Abend ja noch was. Ist aber auch egal: Die Musik stimmt und sowieso ist alles super. So oder ähnlich könnte es sich zugetragen haben vor 30 Jahren. New Wave war in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern das "Credo" der Stunde, als "Being boiled" und "Don't you want me" aus den Lautsprechern schlugen, gleichsam liebkosten und man später, ein wenig älter vielleicht, zu "Louise" knutschte. Und The Human League waren immer dabei.

Um festzustellen, dass dies eine Weile her ist, braucht man weder Kalender noch Rechenschieber rauszukramen. Es reicht, das Comeback-Album der Sheffielder nach zehnjähriger Abstinenz anzuspielen. Das Gefühl, das sich daraufhin einstellt, ist bereits in einem Songtitel angedeutet: "Electric shock". Schon im Opener "Never let me go" setzen die drei alles auf eine Karte und beweisen, dass der Versuch einer Neukombination aus Althergebrachtem und aktuellen Clubsounds eine etwas skurrile Mischung ergibt. Dass The Human League auch früher schon streckenweise etwas überdreht und die Vocals von Susan Ann Sulley und Joanne Catherall zu grell daherkamen, rechtfertigt nicht den übersteuerten Elektrotrash, wie er auf "Credo" zu finden ist. Das Tempo wurde angezogen, der Sound insgesamt auf modern gedüngt, und inwieweit das alles auf dem Mist der Formation I Monster aus der Heimatstadt Sheffield gewachsen ist, weiß wohl Philip Oakey selbst nicht zu beantworten. Mit jenen kooperierten die ehemaligen "Night people" Catherall, Sulley und Oakey nämlich, um die Welt aufs Neue zu erobern.

Die Ansage jedenfalls ist eindeutig: Tanzen und immer nur tanzen. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die sich in ihren Fünfzigern befindlichen Briten überhaupt noch wissen, wie Muskelanimation funktioniert. So räumt Oakey selbst in einem Interview ein, dass er schon seit Jahren nicht mehr ausgegangen sei und sich seit der Anschaffung eines Hundes um morgendliche Spaziergänge mit diesem zu kümmern habe. The Human League stehen also vor einem Dilemma. Denn selbst wenn Ausnahmen wie "Sky" oder "Breaking the chains" zumindest in den ersten Takten noch einen wohligen Erinnerungsmoment generieren (der spätestens im Refrain bricht), sucht das Gros der hier versammelten Stücke vergeblich ein Zielpublikum.

Gealterte Bennos gönnen sich dazu vielleicht hin und wieder ein Tête-à-tête zu besonderer Stunde, wenn Elisabeth mit der Nachbarsfrau im Kino sitzt. Interessierte beschäftigen sich vornehmlich mit den alten Sachen und masturbieren ein wenig über Rezeption, Kontext und Wirkung. Bleibt also die Konzentration auf Hardcore-Anhänger und Junghörer. Während erstere ihren Bedarf vermutlich auf einer der diversen Endlostourneen stillen konnten, findet "Credo" ziemlich sicher keinen Ehrenplatz in der iTunes-Playlist. Denn die Leichtigkeit, mit der Achtziger-Ovations-Künstler einen Bogen zur Vergangenheit schlagen, ohne diese kopieren zu wollen oder müssen, kommt The Human League mit ihrem Neuaufguss fast vollkommen abhanden. Hängen bleibt dieses Album leider trotzdem. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt sich "Dare!" von 1981.

(Carolin Weidner)

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Highlights

  • Breaking the chains
  • When the stars start to shine

Tracklist

  1. Never let me go
  2. Night people
  3. Sky
  4. Into the night
  5. Egomaniac
  6. Single minded
  7. Electric shock
  8. Get together
  9. Privilege
  10. Breaking the chains
  11. When the stars start to shine

Gesamtspielzeit: 46:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
getawaygetawaygetaway
2017-12-02 01:48:34 Uhr
wie oft wollen die in der single eigentlich die worte "night people" wiederholen? ist ja furchtbar! dabei mag ich die band.
oakeyskye
2011-03-26 12:22:47 Uhr
okay, ich gebs zu ich bin einer der (wenigen) fans da draußen und von daher nicht ganz so objektiv, bzw sehe immer das gesamtkunstwerk. und überhaupt soll das erst einer mal nachmachen: phil, susan & joanne machen jetzt seit genau 31 jahren musik zusammen, hl gibt es insgesamt seit 33 jahren... das ganze comeback-geschmarre ist totaler unsinn, die waren NIE weg! und allein das ist schon ne extreme leistung, gibt nicht viele bands aus dem genre die das geschafft haben. und wirklich schlecht klingt "credo" nun wirklich nicht ... ich muss sagen, ich finds zumindest gut dass über die platte ein klein wenig geredet wird. hier in deutschland haben hl ja noch nie wirklich was losmachen können, im gegensatz zu england. also ich freu mich riesig, auch auf die tour im april :)
move
2011-03-26 11:10:39 Uhr
und der Hurts - Happiness-Schrott 8/10, da stimmt was Grundlegendes nicht, bei plattentests.de
move
2011-03-25 20:00:06 Uhr

Zu Carolin Weidner's 3/10

Ist wohl nicht ihr Metier. Da muß du auch Historie berücksichtigen, die Affinität fehlt mir da gänzlich. Es ist halt keine Laptop-Mucke, sondern technisch und handwerklich schon ein eigenes Kaliber!

night porter
2011-03-25 15:35:43 Uhr
Finde die Musik zwar auch wesentlich besser als die Rezensentin, aaber in einem würde ich ihr schon recht geben. Human League haben da schon ein ziemliches Glaubwürdigkeitsproblem. Den Clubgänger will man keinem aus der Band mehr so richtig abnehmen und so wirkt und klingt auch vieles ein bisschen zu gewollt.
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