Nils Frahm & Anne Müller - 7fingers

Nils Frahm & Anne Müller- 7fingers

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 11.03.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gar nicht gebohrt

Treffen sich ein Pianist mit Tschaikowsky-Background und eine Diplom-Orchestermusikerin in Berlin. Er heißt Nils, sie heißt Anne. Frahm, der Mann zwischen Klavier und Reglern, und Müller, die Cellistin - verkoppelt durch ein Bündnis experimenteller Natur. Frahm dürfte dank der Alben "Wintermusik", "The Bells" und intimer Sakralbau-Aufnahmen mit Efterklang-Livemitglied Peter Broderick bereits dem ein oder anderen musikalisch über den Weg gelaufen sein. Müller unterrichtete derweil an einer Waldorfschule in Schöneweide. Auf "7fingers" treffen sich beide. Was dabei herauskommt, ist bereits auf dem Opener "Teeth" zu erahnen. Dieser beginnt minimalistisch und besteht lediglich aus übereinandergelegtem Streichwerk, das sich langsam aufbäumt, an Dimension und Fülle gewinnt, um sich nach und nach zu reduzieren. Was bleibt ist ein pfeifendes Geräusch, das tatsächlich an ein Schreckensgerät im zahnärztlichen Behandlungszimmer erinnert. Ein bisschen verkrampft sieht der aufmerksame Hörer nach jenem Stück schon aus - was kommt als nächstes? Ein Bohrer, dieses Ding zum Absaugen von Speichel oder gar eine Kiefersäge? Die Antwort lautet: Beat.

Wenn Anne und Nils kollaborieren, gibt es neben filigraner Melodie auch Loops, Glitches und Samples. Im Titelstück, welches zugleich Erlösung nach dem hohen Ton (der sich nebenbei bemerkt nur beim ersten Durchlauf etwas zieht) und Überraschung generiert, eröffnet sich das Konzept dieser Platte: Müller und Frahm stellen klassische und elektronische Elemente gleichberechtigt nebeneinander, mischen beide jedoch zu keinem überladenen Brei, sondern setzen sie in einen Kontrast, lassen mal das eine, dann wieder das andere dominieren. Leichte Kost ist das nicht, bewahrt aber vor allzu öder Stringenz. Vorhersehbare und bewährte Strukturen fehlen vollkommen, die meisten Stücke befinden sich 30 Sekunden später mit hoher Wahrscheinlichkeit an einem vollkommen anderem Punkt. So mutiert ein Vogelgezwitscher in "Let my key be C" zu einem klagenden Geflecht geköpfter Spatzen, "Because this must be / Augmentation" beginnt wie ein expressionistisch-verstörendes Märchen, um sich Momente später in einem zuckrigen Autorenfilm mit Telefonkonversation wiederzufinden. Und "Duktus" wird plötzlich verhältnismäßig deep. Das ist alles andere als langweilig, erfordert aber eine bestimmte Herangehensweise - und die heißt Zuhören. Andernfalls kann "7fingers" ziemlich nerven. Bei Berücksichtigung darf gefühlt werden, so richtig, und intensiv.

Nach knapp vierzigminütiger Klangexkursion zwischen Kammermusik, Ambient-Pop-Songs und Minimal-Anleihen endet man dann, wie selbstverständlich, augenzwinkernd: "Long enough" - "Ja, du hast es geschafft!", grinsen Nils und Anne und die großen Zähne. Hinter dem abklingenden Störgeräusch mit Tröpfchen-Sample bleibt die lauschende Person ein wenig ratlos zurück und hat das Gefühl, einfach mal gar nichts verstanden zu haben. Warum wird plötzlich gesungen? Und weshalb knallt es eigentlich immer wieder so laut, wo sich die Tonfolge, der warme Reigen zwischen Streichern, Piano und dumpfem Geplotter vor wenigen Sekunden noch so zärtlich über die Schultern legte? Dies alles darf man sich gerne fragen. Muss man aber nicht. Entrückende Momente können nämlich ganz wundervoll sein.

(Carolin Weidner)

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Highlights

  • Let my key be c
  • Journey for a traveller
  • Duktus

Tracklist

  1. Teeth
  2. 7fingers
  3. Let my key be C
  4. Show your teeth
  5. Because this must be / Augmentation
  6. Journey for a traveller
  7. Reminds to teeth
  8. Duktus
  9. Long enough

Gesamtspielzeit: 43:00 min.

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