Radiohead - The king of limbs

Radiohead- The king of limbs

Ticker Tape / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 25.03.2011

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Clap your metacarpus

Fortbewegung ist eine multidimensionale Aufgabe. Wer immer nur geradeaus geht, geht garantiert in die falsche Richtung. Ellipsen, Polygone und Zickzackkurse sind deutlich sympathischere Marschrouten - nicht nur dann, wenn man Radiohead heißt. Wenn sich also Thom Yorke mit den verknotenden Moves und multiplen Gelenkschäden aus dem "Lotus flower"-Video für das Ministry Of Silly Walks bewirbt, wird aus etwas Zwei- oder maximal Dreidimensionalem wie Richtung ein längst überholtes Prinzip. Da könnte man ja gleich versuchen, Facebook auszudrucken oder Twitter anzuhalten.

Das wird Dir nicht passieren: Erst wartest Du Jahre auf neue Musik und lässt Dich zwischendurch von Einzel-Downloads wie "These are my twisted words" überfordern, um dann von "The king of limbs" völlig überrumpelt zu werden. An einem Montag im Februar kommt ein kryptischer "Thank you for waiting"-Tweet mit Link, der für den folgenden Samstag ein Album ankündigt, aber den Download kannst Du Dir schon freitags offiziell saugen. Wie bei "In rainbows" bestellst Du auch gleich die limitierte Edel-Auflage, obwohl die reguläre CD dieses Mal jedoch schon eher ausgeliefert wird. Und weil "The king of limbs" nach nicht mal 38 Minuten schon vorbei ist, freust Du Dich parallel zum ersten Hören über Spekulationen, dass da noch mehr kommen könnte. Dank Radiohead werden zukünftige Generationen mit dem Begriff "Veröffentlichungstermin" nichts mehr anzufangen wissen.

Weil die Oxforder in der Metaebene zuhause sind, können sie mit diesem "The king of limbs" niemanden sonst meinen als sich selbst. Und niemand außer ihnen würde nach dem schillernden "In rainbows" mit einer derart verwinkelten Klanggymnastik durchkommen. Schon das abstrakte Getanze aus "Lotus flowers" deutet fortschreitend gegenstandslose Weiterführungen ihrer Konzepte seit "Kid A" an. Doch dieser Song, der mitten in "The king of limbs" thront wie ein zappelndes Monument und in so kurzer Zeit schon ein Internet-Mem wurde, buchstabiert die eigene Zugänglichkeit: "I will sink and I will disappear / I will slip into the groove." Scheitere auch Du grandios beim Versuch, diesen Beat mitzuklatschen!

Apropos Beat: Die Band interessiert sich nur noch am Rande für ihre Grooves von gestern, doch selten steckte mehr Beweglichkeit in ihrer Musik. Damit wächst auch die Verantwortung der Rhythmussektion: Colin Greenwoods Bass pendelt zwischen dubbiger Tiefe und singender Freiform, und obwohl Phil Selway neulich ein Folkpop-Album aufgenommen hat, filetiert er mit seinem polyrhythmischen Kreiseln noch jedes Afropop-Missverständnis. Hier stehen fünf Musiker auf engstem Raum beisammen und spielen präzise in die Lücken ihrer Kollegen hinein. Jeder hat ein paar Nanosekunden für sich, bis sich das Zahnrad weiterdreht. Und im Hintergrund flackert noch ein wenig Elektronik, um dem perkussivsten Radiohead-Album aller Zeiten noch ein paar Klackse mitzugeben.

Wer das beim rappelnden Opener "Bloom" trotz des Orchestergleißens noch nicht begreift, dem haut die Mikrohektik von "Morning Mr Magpie" eh die Sicherungen raus. Zu Beginn des letzten Jahrzehnts war das mal ein übersichtliches Akustikgitarren-Ding; jetzt herrscht ein wirbelndes Dickicht, und Yorke breitet sich mit zärtelndem Schmachten über repetitive Fragmente aus. "How are we today? / And now you stole it, all the magic / Took my melody." Doch Radiohead sind gleich mehrere Abstraktionsebenen zu weit, um Tränen über Melodieverlust zu vergießen. Wenn Du Hymnen willst, bleib halt bei Coldplay. Dann potenziert "Little by little" den multitaktischen Schwebezustand von "In limbo", und "Feral" nimmt Anlauf auf die famose Single, die Dir nach den bewegten Vorübungen zielsicher in sämtliche Gelenke fährt.

Der zweiten Hälfte von "The king of limbs" wohnt ein noch ganz anderer Zauber inne. Hier liegen Yorks langgezogene Silben nicht nur wie ätherische Wolken über der Musik, sondern schlagen mitten in ihr wie satte Herzrhythmusstörungen. Und obwohl Yorke so viel Dubstep gehört hat, weiß er, dass Klaviersynkopen immer noch gehen. Das wunderbar zerfließende "Codex" entschleunigt sich demütig. Unter den patentierten Nigel-Godrich-Weichzeichnern arbeiten drei schlichte Akkorde, und Yorke wird zum großen Tröster: "No one gets hurt / You've done nothing wrong." Danach lässt sich die sanfte Gitarre von "Give up the ghost" von einer stoischen Bassdrum antreiben und fleht um Zuwendung. "Don't hurt me" ist das Mantra, und ein paar Engel spielen mit Filtern und Hall. Für "Separator" hält wieder der sanfte Gitarrenstrudel Einzug, und das Album endet mit einer wunderbaren Einsicht: "Like I'm falling out of bed from a long and weary dream / Finally I'm free of all the weight I've been carrying." Radiohead sind so frei.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Lotus flower
  • Codex
  • Give up the ghost

Tracklist

  1. Bloom
  2. Morning Mr Magpie
  3. Little by little
  4. Feral
  5. Lotus flower
  6. Codex
  7. Give up the ghost
  8. Separator

Gesamtspielzeit: 37:29 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22391

Registriert seit 07.06.2013

2020-07-03 11:27:55 Uhr
Was Affengitarre sagt. Für mich zwei vollkommen verschiedene Ansätze.

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1981

Registriert seit 12.12.2013

2020-07-03 06:39:27 Uhr
Wie ich sicher schon mal schrieb: TKOL muss man in der Basement-Version hören.

MopedTobias

Postings: 15613

Registriert seit 10.09.2013

2020-07-02 21:33:42 Uhr
Das hat doch mehrere richtig gute Songs :) Dachte, das zumindest auf sowas wie "Bloom" sich eigentlich jeder Radiohead-Fan einigen könnte.

kingsuede

Postings: 1573

Registriert seit 15.05.2013

2020-07-02 21:04:17 Uhr
TKOL ist und bleibt ihr schwächstes nach dem Debüt. Das Album hat weder einen richtig guten Song noch einen schönen Flow.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7399

Registriert seit 23.07.2014

2020-07-02 19:04:56 Uhr
Die beiden Alben bekommen mich halt auf eine andere Art und Weise, "King of Limbs" ist so locker und unkompliziert, macht einfach Spaß mit seinen kühlen Beats. Der Nachfolger erwischt mich dann emotional, dabei muss ich aber auch schon in der richtigen Stimmungslage sein.
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