PJ Harvey - Let England shake

PJ Harvey- Let England shake

Island / Universal
VÖ: 11.02.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Long may she reign

Wann immer England staatsmännisch ziemlich am Boden lag, war das schon immer Grund genug, das Empire wegen seiner popkuturellen Dominanz umso strahlender wiederauferstehen zu lassen. Underground haben die Briten hingegen nie wirklich verstanden. Mussten sie auch nicht, solange sie Weltstars vom Schlage einer PJ Harvey produzieren. So jedenfalls lautet die offizielle Geschichtsschreibung. Wenn nun also eben jene PJ Harvey mitten in "The glorious land" ein Trompetensignal zum Sammeln blasen lässt, stehen die Truppen des Commonwealth natürlich in Sekundenbruchteilen Gewehr bei Fuß. Et voilà: Der NME vergibt erstmals seit knapp fünf Jahren die volle Punktzahl für "Let England shake", Harveys achtes, heimatpolitisch äußerst vergrätztes Album - und schiebt gleich noch einen Award fürs Lebenswerk hinterher. Als kontinentaler Nichtsversteher ahnt man: Da ist nur wenig Selbsthass zugegen, vielmehr der Transport von Weltmachtsfantasien in jeden noch so kleinen Mikrokosmos.

Genau diese schizophrene Situation musiziert "Let England shake" mit jedem Takt heraus. Wie sehr sich Harvey das allseits belächelte Bush-Bashing ihrer Übersee-Kollegen dabei vom Hals hält, ist bei all den direkten politischen Anklagen gar nicht so einfach zu klären. Etwa wenn sie der Eröffnungszeile "England's dancing days are done / Another day, Bobby, for you to come home" gleich im nächsten Lied antwortet: "Goddam' Europeans! Take me back to England." Und "The last living rose" auch sonst zu einer typisch sozialromantischen Liebeserklärung auswalzt, die vor stinkenden Gassen, undurchdringlichem Nebel und betrunkenen Schlägern nur so strotzt. Berlin/Neukölln? Hannover/Steintor? Ach so, die Themse. Ja nun, wer's mag.

Dass Harvey für ihren Teil The Creatures mag, zeigt sich gleich im Titelsong mit seinen tickernden Percussions und ihrer fliegenden Stimme. Genauso wie bei all dem New-Orleans-Trauer-Brass, der durch "The words that maketh murder" und "All and everyone" fegt. Und an ihrer Intonation ohnehin von jeher. Die Gitarren hallen dazu stets im formvollendeten Shoegaze-Modus, entwerfen jedoch bei "In the dark places" oder "Bitter branches" auch Grunge-Blues-Riffs, also ein wenig mehr Vollmundigkeit. Zu echten Rocksongs arbeitet sich Harvey aber auch hier nicht vor. Sie beharrt auf der inneren Schizophrenie und leitet die Kompositionen vor allem durch ihre Stimme an. Ein Schachzug, der von vornherein glücken muss. Und vor allem im durch und durch hymnisch-melancholischen Abschlusstrio zu einem Meisterstück gerät.

Was noch fehlt, ist der Pop-Vibe, auf den "Let England shake" schlichtweg angewiesen ist, um den globalen Siegeszug zu erfüllen - der allein deshalb aber noch lange nicht derart selbstverständlich gelingt wie auf weiten Teilen dieses Albums. All die kleinen Observationen und Taktiken werden hier durchgängig in Hooklines, Harmonien und Melodien verstrickt, die gar nicht anders können, als eines der besten Harvey-Alben der jüngeren Geschichte zu ergeben. Die Beat-Strategie eines John Parish mit seinem Weniger ist Mehr passt hier ebenso perfekt wie seine Stimme zu der Mick Harveys (erstmals seit "Stories from the city, stories from the sea" wieder dabei) - und beide Stimmen passen als große Konter-Spieler mustergültig zu Harveys Gesang, der sich weniger multipel zeigt als zuvor, aber immer noch mehreren Personen zugleich gehören könnte.

So schöpft "Let England shake" sein Potenzial einerseits voll aus, überreizt es andererseits teils aber auch geradezu lustvoll. "I live and die through England / It leaves a sadness", skandiert Harvey mit ihrer Björk-Stimme durch "England". Unterstützt von einem Sample irakischer Musik der 1920er und einer für europäische Ohren lediglich als klagend aufzulösender Gesangsschleife. Und dennoch entsteht auch hier ein melodisch absolut beglückender Song, der sein Sample nicht als Kolonialherr, aber auch nicht als Störfaktor nutzt. Wo genau da jetzt die Unwucht sitzt? Das weiß, wie immer, nur der NME.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Let England shake
  • The words that maketh murder
  • On battleship hill
  • Hanging in the wire
  • Written on the forehand

Tracklist

  1. Let England shake
  2. The last living rose
  3. The glorious land
  4. The words that maketh murder
  5. All and everyone
  6. On battleship hill
  7. England
  8. In the dark places
  9. Bitter branches
  10. Hanging in the wire
  11. Written on the forehand
  12. The colour of the Earth

Gesamtspielzeit: 40:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Thomas Magnum
2019-02-28 00:22:49 Uhr
Und wie bei Vedder sind es auch bei diesem Album 8 Jahre.
Englands dancing days are gone - kann man vier Wochen vor dem Brexit mal wieder hören.

The MACHINA of God

Postings: 13783

Registriert seit 07.06.2013

2014-08-09 16:52:43 Uhr
Immer noch wunderbares Album.
Arbeitet sie eigentlich langsam mal an nem Nachfolger? Auch bald drei Jahre her, das Ding.

MopedTobias

Postings: 11329

Registriert seit 10.09.2013

2014-08-09 11:18:14 Uhr
Bester Song: der Titeltrack. Genialität pur. Knapp dahinter The Glorious Land und On Battleship Hill, bei dem ich wieder ein Tränchen verdrücken muss.

nörtz

Postings: 5134

Registriert seit 13.06.2013

2014-08-09 05:50:24 Uhr
Bester Song: "All and everyone"

MopedTobias

Postings: 11329

Registriert seit 10.09.2013

2014-08-08 20:34:10 Uhr
Mhh, also von 2004 bis jetzt? Ne das nicht unbedingt. Aber Top 15 dieses Zeitraums auf jeden Fall, vielleicht sogar knapp Top 10.
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