Imelda May - Mayhem

Imelda May- Mayhem

Decca / Universal
VÖ: 04.02.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Alles ist zu wenig

Mit ihren 36 Jahren ist Imelda May eigentlich viel zu alt, um als nächste Sau durch das Dorf der britischen Musikpresse getrieben zu werden. Mit ihrer Attitude wiederum passt sie einfach zu gut in das Beuteschema der letzten Jahre. Hübsch anzuschauen, extravagant und stylish, dazu eine blonde 60s-Tolle auf dem schwarzen Schopf und Musik, die tiefer im Retro-Sumpf steckt, als alles, was die Damenabteilung von der Insel in den letzten Jahren hervor gebracht hat. Neu ist allerdings, dass mit Hilfe von May plötzlich eine gehörige Portion Aggressivität durch die ansonsten recht freundliche und charmante Szene weht. Denn die Dublinerin frönt nicht nur den üblichen Vorbildern aus Soul und Pop, sondern hegt und pflegt auch noch ihr Image als leicht durchgeschepperter Rock- und Punkabilly und legt dieses nicht mal in den ruhigeren Momenten ihres mittlerweile dritten Albums ab.

Zu Beginn von "Mayhem" überrascht dann auch die explosive Mischung aus Pop, Rockabilly, Jazz und Punk. Der Dreier aus "Pulling the rug", "Psycho" und dem Titelsong tanzt, ja fetzt alles andere an die Wand und schert sich nicht um irgendwelche Kollateralschäden. May sorgt noch öfter dafür, dass man gar nicht anders kann, als den Hintern auf den Tanzflur zu schieben. Diese Songs, die mitunter auch einem Tarantino-Film zur Ehre gereichen könnten, sind die stärksten auf "Mayhem". Und bilden mit der herzerweichenden Motown-Ballade "Kentish Town waltz" das Herzstück der Platte. Als wäre das nicht schon genug der Wandlungsfähigkeit, nimmt die Irin mit "All for you" oder "Bury my troubles" plötzlich auch noch irgendwoher rauchig-verführerischen Barjazz, der Norah Jones ganz schön alt aussehen lässt. Man möchte gar nicht wirklich wissen, wieviel Whiskey Mays Kehle in den dunklen Dubliner Pub-Nächten heruntergeflossen sein muss, wieviele Kippen ausgedrückt werden mussten, um die charismatische Stimme zur Vollendung zu formen.

May schafft mit ihrem irren Stilmix spielend leicht und quasi aus der Hüfte geschüttelt eine energiegeladene Evolution der Winehouses, Duffys und Adeles. Die Überraschung über das musikalische Gewitter, das über den Hörer zunächst hereinbricht, verliert jedoch nach und nach etwas an Kraft. May, so scheint es, hat einfach vergessen, innezuhalten und nach zehn Liedern "Mayhem" als großes Album zu zementieren. So zerläuft die Platte gen Ende etwas und hat mit der Coverversion von "Tainted love" zwar eine sichere Live-Nummer im Gepäck - auf "Mayhem" wirkt sie allerdings eher überflüssig. Hätte May nicht so viel gewollt, das Album wäre in seiner Gesamtheit großartig gewesen. Aber auch so bleibt die Gewissheit, das hier nicht irgendein Casting-Püppchen an die Front getrieben wird, sondern eine leidenschaftliche Musikerin tanzt, schwitzt und singt, die ganz einfach ihr Ding durchzieht. Und im selben Moment dem etwas angestaubten UK-Ladies-Pop einen neuen Twist gibt. Im wahrsten Sinn des Wortes.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Mayhem
  • All for you
  • Inside out

Tracklist

  1. Pulling the rug
  2. Psycho
  3. Mayhem
  4. Kentish Town waltz
  5. All for you
  6. Eternity
  7. Inside out
  8. Proud and humble
  9. Sneaky freaky
  10. Bury my troubles
  11. Too sad to cry
  12. I'm alive
  13. Let me out
  14. Tainted love
  15. Johnny got a boom boom - radio edit

Gesamtspielzeit: 51:15 min.