Navel - Neo noir

Navel- Neo noir

Nois-O-Lution / Indigo
VÖ: 04.02.2011

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Im Westen nichts Neues

In Zeiten, in denen weite Teile des Musikmarkts zwischen Mainstream und Indie von einer Hinwendung zum Electro- und Synthiepop bestimmt werden und damit selbst Ke$ha versehentlich einen verträglichen Hit landet, da wird es wieder Zeit für "ehrliche Rockmusik". Versprochen wird eine Welt, die der Kälte des Maschinellen etwas entgegenzusetzen weiß und in denen den toten Blicken der Quarterback-Cheerleader-Pärchen nicht die Türen offenstehen. Die Zeiten für neuen alten Grunge stehen gut, der zieht endlich mal wieder die Flanellhemden über den überkandidelten Glamour und den geleckten Hedonismus der Spaßgesellschaft. Und tatsächlich: Soundgarden, Alice In Chains und die Stone Temple Pilots sind allesamt wieder da, Pearl Jam waren nie wirklich weg. Selbst die Pro-Tools-Grunger Creed und Nickelback zehren von dem Wunsch nach handgemachter, roher Musik.

Silverchair hingegen, die anfangs wie kaum eine zweite Band kommerziell von der Nähe zu Nirvana profitierten und künstlerisch darunter litten, haben sich mit De-Stijl-Cover und einer übervollen Plattensammlung längst losgemacht von ihren Wurzeln. Die Schweizer Navel halten es insofern ähnlich, indem auch sie versuchen, ihrem allzu offensichtlichen Grunge-Epigonentum abzuschwören und einen kleinen Schritt aus den Schatten anderer herauszutreten. Immer noch sind die Spuren zum wütenden Punksound zurückzuverfolgen. Während Navel jedoch zuvor Dosenbier im elterlichen Kellerproberaum soffen, gerbt nun die Pulle Whiskey die Stimmbänder. Der Galgenhumor ersetzt die Trotzkopfattitüde früherer Tage. Charles-Bukowski-Rock quasi. Immer noch roh, immer noch lärmig, aber ohne die jugendliche Wucht, die die angeblich so apathische Generation X immer hatte.

Der Beginn "Can't feel a thing" stolpert munter durchs Tempo, die Basslinie kickt, die Becken klingen wie zerschmissenes Geschirr. Virtuosität ist ja auch meist ein Indiz für Unehrlichkeit. "Black days" zerschellt effektvoll an der Gitarrenwand, "It's the road that makes the song" klebt sich den TexMex-Bart an, und die Single "Blues on my side" groovt sich in den letzten Minuten wohlig ein und weckt kurz Erinnerungen an Mother Tongue. Navels Musik legt Zeugnis ab von einem offensichtlich großen Fernweh. Zwei Jahre nach "Frozen souls" ist die Fundgrube nun ein bisschen größer geworden, aber die nordamerikanische Gitarrenmusik seit den 70ern nährt noch immer maßgeblich ihren Zitatenschatz. Hier geriert sich Rock als zeitloses Genre, aber die zwingende Innovationslust hat Navel noch immer nicht gepackt.

Dann kann man nur noch Hits schreiben. Und diese sind schlicht auf einer allzu langen Platte zu rar gesäht. "Kobra killer" zitiert mal auf die Schnelle die noisigeren Hives, um Platz zu machen für den besten Song der Platte: Die Strophe zieht, die Stimme wird aufgeregt durch das Effektgerät gejagt, das ist sie, die Hymne von Navel. "Rockin' in the free world"? Moment, da war was. Ach ja, diese Geschichte. Navel kommen auf "Neo noir" einfach nicht recht zum Punkt. Sie sind im übertragenen Sinne vom Kurzweil suchenden Wochenendsäufer zum betäubenden Alki geworden. Der taumelt durch überlange 76 Minuten und stammelt ein ums andere mal seltsam gleichklingende Geschichten. Die sind mitunter durchaus weise. Aber ewig mag die keiner hören.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • I can't feel a thing
  • Rockin' in the free world
  • Blues on my side

Tracklist

  1. Can't feel a thing
  2. Speedbox
  3. Black days
  4. Acid queen
  5. It's the road thats makes the song
  6. Free land
  7. Invisible
  8. Kobra the killer
  9. Rockin' in the free world
  10. Hunger child blues
  11. Come into my mind
  12. Blues on my side
  13. Rule to follow
  14. Waiting travelling thinking

Gesamtspielzeit: 76:36 min.

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