The Notwist - Neon golden

The Notwist- Neon golden

City Slang / Labels / Virgin
VÖ: 14.01.2002

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

A perfect circle

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die bezaubern. Im ostbayerischen Weilheim gibt es anscheinend viele solcher Kleinigkeiten, und so kann vermutlich nur dort, lediglich mit Taschenlampe und flackernden Kerzen bewaffnet, zu Lichtgestalten der Alternative-Gemeinde werden. Seit ihren indierockenden Anfangstagen haben sich so The Notwist mit ihrem Blick fürs Detail und einem unverwechselbaren, doch niemals vorhersehbaren Stil eine Gefolgschaft beiderseits des Atlantik erspielt. Dabei loteten sie wie kaum jemand sonst die Grenzen ihres eigenen Genres aus, experimentierten mit dem am wenigsten Naheliegenden und schufen stets ganz eigene Klangwelten, in die andere oft erst Jahre später vorstießen. Überall dort, wo die Gralshüter der alternativen Musik einen neuen Trend verorten wollten, waren die Weilheimer schon längst gewesen.

Vier lange Jahre mußte nun die Anhängerschar auf neue Töne der Brüder Acher und ihrer Mitstreiter waren. Die sich immer länger hinziehende Tüftelei an in 15 langen Monaten wahllos aufgeschichteten Soundschnipseln hatte sich dabei zuletzt als tückische Goldschmiedekunst erwiesen. Doch wenn die wie immer leicht verstimmten Gitarren schüchtern loslegen, Markus Achers wie immer leicht neben dem Ton liegende Stimme die ersten Silben haucht und Martin Gretschmann (Console) in den Eingeweiden seiner Beatbox ein paar Knistereien entdeckt, weicht die quälende Ungeduld einer wohligen Erleichterung, die sich mitten zwischen den Ohren festsetzt. Das Warten hat sich wieder einmal gelohnt.

Schon in "One step inside doesn't mean you understand" melancholisiert Acher inmitten eines Detailreichtums, der sich erst aufs zweite und dritte Ohr richtig erschließen will. Immer wieder entdeckt man links und rechts der Hookline neue Spielereien. Trotz der stets ein wenig niedergeschlagen klingenden Melodien wirken die Klänge ungemein luftig. Die liebevoll eingeflochtenen Randbemerkungen und Nebenäste fließen ineinander, als wären sie schon immer eins gewesen. Auch wenn Schicht um Schicht übereinander aufgetürmt wurde, klingen die Bausteine des Wall of sound doch immer so leicht, als würden sie sogar in Milch schwimmen.

Und wenn es denn doch mal im Gebälk knirschen sollte, grinst Soundbastler Gretschmann vor sich hin und rückt seine Hornbrille wieder zurecht. Seine nur anfangs ungelenk erscheinenden Beat-Zerklüftungen werden vom Crescendo in "Pick up the phone" in die Höhe gereckt. Mellotron und Akustikgitarre geben sich ein Stelldichein, nur Achers leiser Wunsch, daß sie nur einmal den Telefonhörer abheben möge, seufzt einsam in der Ecke. Ein sanfter Hauch weht auch in "Pilot" hinein, bis sich ein unwiderstehlicher Groove des Songs bemächtigt, der mal dubbt, mal flirrt und letztlich das Wort Pop in verdammt großen Lettern buchstabiert.

Lebten die Weilheimer schon auf den eindrucksvollen Vorgängern "12" und "Shrink" diverse Verschrobenheiten genüßlich aus, existierten diese doch oft eher im Nebeneinander als im Miteinander. Auf "Neon golden" wird die Gemeinsamkeit zum Prinzip. Wenn nun in "Solitaire" links der Takt angegeben wird, während rechts ein verlorenes Cello mit Acher klagt, wirkt dies wie ein stereophones Vorspiel, das schließlich in den Widerhaken von "One with the freaks" mündet. "Have you ever been all messed up?" fragt Acher, und plötzlich - wenn auch nur für einen Augenblick - trauen sich die Gitarren, die einst die Himmel füllten, nach vorne. Ihren Krach jedoch benötigen The Notwist schon lange nicht mehr.

Wenn sich die verworrenen Polyrhythmen in den Hintergrund schleichen, um den klagenden Klängen und den unvermuteten Kleinigkeiten zu lauschen, haben die Melodien längst schon die Hand am blutenden Herzen. Selten waren die lakonisch vorgetragenen Melodien eingängiger, selten gingen sie tiefer. Währenddessen erzählen zerbrechliche Zeilen von Entfremdung und vom Scheitern. "Fail with consequence / Lose with eloquence / And a smile." Das schiefe Lächeln wird zur Lebensgrundlage. "Never leave me paralyzed, love" wünscht sich Acher schließlich im grandiosen Schlußpunkt "Consequence", und Tausende Taschentücher befeuchten sich fast von ganz allein. Wer Ohren hat, der höre. Wer Tränen hat, der weine. Wer Hände hat, der juble. Und der Kreis schließt sich mit einem Lächeln.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Pilot
  • Pick up the phone
  • One with the freaks
  • Consequence

Tracklist

  1. One step inside doesn't mean you understand
  2. Pilot
  3. Pick up the phone
  4. Trashing days
  5. This room
  6. Solitaire
  7. One with the freaks
  8. Neon golden
  9. Off the rails
  10. Consequence

Gesamtspielzeit: 41:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Konsum
2011-12-05 13:17:25 Uhr
Eliminator Jr.
05.12.2011 - 11:43 Uhr
... klingt auch nach fast zehn Jahren immernoch so, als wäre es der Pop von morgen.


Gut gesagt. So isses.
IFart
2011-12-05 13:13:58 Uhr
nur noch gefrickel.
Shrink ist wesentlich besser
bee
2011-12-05 13:00:12 Uhr
Nook + Shrink nicht vergessen!
The MACHINA of God
2011-12-05 12:48:00 Uhr
@@Machina:

Nö, kenn dir schon seit Release. Hat mich aber nie so begeistert wie viele meiner Bekannten. Auch jetzt für mich noch kein Meisterwerk, aber in den richtigen Momenten sehr sehr angenehm.
Werd mich mal bisschen in den Restkatalog der Band reinhören. Grad "12" klang da sehr interessant.
@Machina
2011-12-05 11:44:57 Uhr
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