Caracho - Die Jagd beginnt

Caracho- Die Jagd beginnt

One Eyed Charlie / Broken Silence
VÖ: 14.01.2011

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Gewehr bei Stuss

Das ist noch einmal gutgegangen. Mit ein wenig Pech hätten Caracho aus Hamburg vor etwas mehr als zwei Jahren nämlich auch ganz schön Prügel einstecken können. Für den weitestgehend sinnfreien Electro-HipHop-Krawall ihres Debüts "Lass uns Bambi spielen!", die ästhetisch fragwürdige Kombination von blonden Perücken und schwarzen Klebe-Schnurrbärten sowie ihre überfallartigen Spontan-Shows in Serviceräumen von Kreditinstituten. Doch die Ordnungshüter beobachteten das wüste Bank-Treiben lediglich amüsiert bis distanziert, und FAZ, Spiegel und BILD-Zeitung waren froh, ein Thema zu haben. Egal, ob ein neues Geschäftsmodell für die Livepräsentation von Popmusik erörtert oder nur die neueste Party-Sau durchs Dorf getrieben werden sollte. Right Said Fred setzten dem Ganzen als Feature-Gäste dann noch die Krone auf. Stars geboren.

Und irgendwie war "Lass uns Bambi spielen!" ja doch ein ziemlich großer Spaß. An dem sich "Die Jagd beginnt" nun allerdings messen lassen muss. Sänger Sven Lauer, DJ Omo Bewarder und Gitarrist Ivo Vossen pflegen zwar weiterhin das brachiale Zusammenspiel von bassigem Electro-Geknirsche, Holzfäller-Crossover und barsch skandierendem Sprechgesang, sind aber mittlerweile in einer Zwischenwelt angekommen, in der es nicht bloß überlebensgroße Rehkitze, schwarze Katzen und auf der Theke tanzende Crossdresser gibt. Sondern auch Themen wie sozialen Netzwerkterror, nächtliche Zusammenstöße mit der Polizei oder humorlose Zeitgenossen, die Caracho ständig nach dem Sinn ihrer Maskerade löchern. Was sich eigentlich unverändert verbietet. Und außerdem: "Eigentlich ist eigentlich eigentlich'n Scheißwort."

In diesem Sinne walzt dieses Album erneut sämtliche Hörgewohnheiten platt, lotet ausgiebig das eigene Fremdschämpotenzial aus - und verbreitet natürlich auch jede Menge Stuss. "Ich bin weg" sorgt mit charmanten Synthie-Tupfern und der Verweigerung permanenter Erreichbarkeit kurz für Auflockerung, "Harte Jungs" dagegen macht sich mit dem Wechsel von Gesäusel und Rammstein-Phrasierung, originalgetreuem "Da da da"-Klicken und der Zeile "Harte Jungs poppen im Polo / harte Jungs poppen im Poloshirt" genauso mutwillig zum Primaten wie das passend betitelte "Gib dem Affen Zucker".

Also schnell noch dem sich ständig als wandelndes Katastrophengebiet erweisenden Kumpel im amüsanten "Das Beste an Dir" auf die Schulter geklopft, bei "Ich mag Tiere" eine angekotzte Antithese zu Volker Lechtenbrink und Rolf Zuckowski aufgestellt - und dann nichts wie ab durch die Mitte. Da hinten lauern nämlich schon die debile Engtanzstunde "Bild Dir meine Meinung" oder der Gewehre und Waidmanns-Brauchtum zerlegende Titelsong. Der trotz unguter Halali-Bläser immerhin Spuren einer musikalischen Subtilität enthält, mit der man bei Caracho nur äußerst selten das Vergnügen hat. Ein solches ist "Die Jagd beginnt" dann auch höchstens ansatzweise - doch vielleicht gelingt einem ein Stück wie "In Hamburg sagt man ja ja" eben nur ein Mal pro Karriere. Schade. Eigentlich.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Ich bin weg
  • Das beste an Dir
  • Ich mag Tiere

Tracklist

  1. Eigentlich
  2. Ich bin weg
  3. Harte Jungs
  4. Das Beste an Dir
  5. Gib dem Affen Zucker
  6. Die Stadt brennt
  7. Ich mag Tiere
  8. Bild Dir meine Meinung
  9. Verschwende Dich
  10. Nicht gut aber laut
  11. Jetzt mal im Ernst
  12. Die Jagd beginnt

Gesamtspielzeit: 44:47 min.

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  • Caracho (5 Beiträge / Letzter am 17.10.2008 - 00:05 Uhr)