Tu Fawning - Hearts on hold

Tu Fawning- Hearts on hold

Provenance / City Slang / Universal
VÖ: 14.01.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Haar zu Berge

Das Debütalbum von Joe Haeges und Corrina Repps Tu Fawning ist ein Überraschungsgast im Besenschrank des Unbewussten. Dort, wo sich bereits Generationen von Scream Queens vor dem bösen Mann versteckten oder all das hingehört, was die Psyche ordentlich zum Schlottern bringt, beginnt die Viererbande aus Portland mit ihrer Musik. Mit dem Unterschied, dass sich die Tür dieses Verstecks nicht nur in einsame Hausflure, sondern auch in bergbewehrte Landschaften öffnet - bevölkert von kolossalen Ungeheuern, deren Rufe im eigenen Gebein widerhallen. Von Haeges Hauptband 31Knots oder Repps Soloalben ist hier hingegen kaum noch etwas zu spüren. Beides geht unter in einem schauerlichen Varieté, welches das verwirrende Indie-Rattern ebenso beherrscht wie das Herbeirufen gespenstischer Gesänge und Stimmungen aus den tiefsten Regionen der Musikgeschichte.

So singt Repp teils mit genau den Phrasierungen, die Ice Queen Siouxsie Sioux zunächst bei den Creatures ausprobierte, um sie später in der Dreampop-Phase der Banshees zu vertiefen. Gleich der von spooky Blechbläsern und Querflöten heimgesuchte Opener "Multiply a house" arbeitet ihre Stimme zu einem in voller Gänsehaut erstrahlenden Gospel-Groove um, unter dessen bleischwerem, trägem Hämmern eine dämonische Trauerprozession gen Nirgendwo zieht. "The felt sense" und später "Just too much" machen mit ihren Stakkato-Percussions klar, dass die Referenz durchaus ernstgenommen werden muss. Während ersteres aber als hochenergetisches mehrstimmiges Gebet durchgeht, vertiefen Haeges Gitarrenfiguren "Just too much" zu einer Mathrock-Ballade, die, einmal angekommen, wimmert, züngelt und vor allem in den Stimmen derart hymnisch jubiliert, dass schon eine elegische Großstadt-Trompete herhalten muss, um das Mütchen wieder zu kühlen.

Spätestens nach dem Klaviercrooner-Duett "Apples and oranges", das in seiner reduzierten Dichte goldrichtig im Album sitzt, gibt es für "Hearts on hold" dann kein Halten mehr. "Diamond in the forest" kontert die Tribal Drums mit rhythmisch dahinfließenden Klavierakkorden, galligem Brass und Shanty-Chorälen. Gleichzeitig gelingt es dem Song, gemeinsam mit dem auf Vierviertel gestreckten Walzer-Beben "Sad story" die größte Referenz an Haeges 31Knots zu sein. Mit "Hand grenade" treiben Tu Fawning ihren Stil schließlich auf die Spitze. Bläser, Harmonika, Akkordeon und Orgel versetzen den Song in sprudelnden Wellengang. Repp beantwortet jede ihrer Zeilen erneut mit gespenstischen Vokalen, bis aus der Tiefe eine überschäumende Refrainfigur auftaucht, den Song zunächst kentern lässt, dann aber auf Shoegaze-Gitarren wieder emporhebt. Und zwar komplett: Alles schwingt jetzt mit, was vorher noch Unheil verkündete. Jedes Instrument. Jede Stimmung. Jede Gischt im Gesicht. Ein Lied, derart voll und strapaziert, derart durchgeschüttelt und pulsierend - und doch so geglückt und beglückend.

"Lonely nights" bleibt schließlich wieder ganz bei Percussions und gut bei Stimme, leitet sich aber als Instinkt spielende, zweitonale Kadenz ein. "Hearts on hold" strotzt neben allem anderen vor solchen Tönen und Impulsen - gespielt von in nächtliches Monsterjaulen verwandelten Instrumenten, die als rein vorsprachliche Schreckensbotschaften hervorstechen, Todesschreie sind, weil in diesen psychischen wie historischen Untiefen noch längst nicht um Hilfe gerufen wurde. So jagen metallophonisches Kettenrasseln, in Wolfsgeheul verzerrte Flöten, Orgeln und Trompeten den Geist des Hörers, bevor die Erzählungen beginnen und der Seele jeglichen Halt geben, den man in ein paar Minuten arrangieren kann. Auch im Anbetracht dieser musikalischen Affekte ist "Hearts on hold" unheimlich im freudschen Sinne. Das Album flirtet nicht nur mit dunklen Stimmungen, sondern es schlägt die Fremden in uns selbst an wie Akkorde, bespielt sie mit Inbrunst sowie kaum gekannter Intensität und lässt sie als Wasserleichen wieder emportauchen. "Someday / The water'll rise / You'll be the only one / On the hill alive." Ein Spalt in der Tür des Unbewussten, ein lauschendes Ohr, ein suchendes Augenpaar ... ein verräterisches Knirschen des Dielenbodens. Schweig still, mein Herz.

(Tobias Hinrichs)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Multiply a house
  • Sad story
  • Apples and oranges
  • Diamond in the forest
  • Hand grenade
  • Lonely nights

Tracklist

  1. Multiply a house
  2. The felt sense
  3. Mouths of young
  4. Sad story
  5. Apples and oranges
  6. Just too much
  7. Diamond in the forest
  8. Hand grenade
  9. I know you know
  10. Lonely nights

Gesamtspielzeit: 46:29 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

noise

Postings: 608

Registriert seit 15.06.2013

2016-08-28 12:02:25 Uhr
Dem kann ich mich nur anschliessen.
Hätte gerne die weitere Entwicklung der Truppe erlebt.
Arbeiter
2016-08-28 11:51:44 Uhr
Das ist freilich schade.

Underground

Postings: 850

Registriert seit 11.03.2015

2016-08-26 08:51:50 Uhr
Herr Haege hat mir die traurige Befürchtung gestern Abend persönlich bestätigt.

The MACHINA of God

Postings: 11142

Registriert seit 07.06.2013

2015-09-30 14:30:39 Uhr
Nun, da Frau Repp und Herr Haege nicht mehr zusammen sind und er jetzt ja hier in Leipzig wohnt, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass da irgendwas aktiviert wird.

Underground

Postings: 850

Registriert seit 11.03.2015

2015-09-30 14:24:22 Uhr
http://www.plattentests.de/forum.php?topic=86625&seite=1
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum