Iron & Wine - Kiss each other clean

Iron & Wine- Kiss each other clean

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 21.01.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Feuchtgebiete

Die Zeiten, in denen man Sam Beam als verschrobenen Waldkauz wahrnehmen konnte, der schüchternen Folk spielt und mit seiner sanften Stimme Herzen zerreißt, sind endgültig vorbei. Natürlich ist Beam immer noch ein verschrobener Waldkauz, dessen Stimme Herzen zerreißen kann. Aber Folk ist längst nur noch eine musikalische Zutat unter vielen. Unter Beams wuchernden Bart passen längst auch Funkrock, Gniedeljazz, Gospel, Indietronica, Reggae, Krautrock, Breitmaulsoul und eine satte Produktion. Und dann heißt sein fünftes Album auch noch "Kiss each other clean". Eat this, Devandra Banhart!

Bei Iron & Wine braucht sich nämlich niemand nackig machen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Beams stimmliche Präsenz ist Ereignis genug. Der weiche Klang seiner Stimme hat alles Schüchterne oder Zerbrechliche abgelegt, und die Gefühle tanzen in aller Öffentlichkeit Ringelpiez. Mit Anfassen. Denn schon die taumelnde Vorabsingle "Walking far from home" mopst sich erst eine erkältete Orgel, um dann mit mehreren Chören einen Abzählreim im Walzertakt in Richtung Himmel zu juchzen. "Me and Lazarus" schwoft ein paar biblische Anspielungen mit Saxophon unter den Teppich, und "Tree by the river" herzt die Nostalgie mit pochender Bassdrum und tirilierendem Drumherum. Da bleibt keine Achselhöhle trocken.

Immer, wenn man Weichzeichnung wahrzunehmen glaubt, untergräbt ein beherztes Detail den erwarteten Wohlklang. Und trotzdem klingen all die gruppenkuschelnden Klangschichten niemals ausgedacht. Selbst wenn sich wie bei "Monkeys uptown" elektronischer Stoizismus mit in die gute Stube schummelt, räkelt sich das wahre Leben auf dem Flokati. Die Holzschlaginstrumente distanzieren sich beherzt von der Orff-Gruppe, der Bass grummelt in Dub-Regionen, und ein paar vorlaute Kinder spielen am Keyboard herum. Auch "Rabbit will run" steckt so voller gegeneinander wogenden Ornamenten und Arabesken, dass man Mühe hat, den Verästelungen zu folgen. Was aber kein Problem ist, weil Beam mit der Melodie stets den rechten Weg weist. Zwischen Polyrhythmen und Saitenlärm legt er allen Nachdruck in das Drama, und als er sich im rechten Augenblick zurückhält, gehorcht der Song aufs Wort.

Obwohl sich Beam bei solchen Arrangements genussvoll austobt, ist es doch dieses Gespür für den Song, mit dem er sich immer wieder erdet. "Godless brother in love" ist ganz bei sich, einem Klavier und einer Harfe. Da spürt man erst, wie dicht und harmonisch die anderen Songs inszeniert wurden: Denn obwohl hier die meisten Instrumente Pause haben, ist die seltene Ruhe kein Fremdkörper. Und bald schon wippen die Grooves wieder wie in den Sümpfen von New Orleans. Der bruchlose Verlauf dieser zehn Songs deutet an, wie sehr Beam seit seinen besinnlichen Anfängen als Musiker gewachsen ist. Am deutlichsten wird dies jedoch im abschließenden "Your fake name is good enough", dessen polyrhythmischer Groove von beboppenden Bläsern angefeuert wird, bis sich nach 2:33 Minuten plötzlich ein angerautes Blues-Riff ans Lagerfeuer setzt und den Song ausbremst. Nach und nach klettern Stimmen, Riffs und die zwischenzeitlich geflüchteten Bläser übereinander. Das Schlagzeug macht ordentlich Wind dazu, weil ein delirierendes Gitarrensolo den Song endgültig ins Nirwana überführt. Musik zum Knutschen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Walking far from home
  • Tree by the river
  • Rabbit will run
  • Your fake name is good enough

Tracklist

  1. Walking far from home
  2. Me and Lazarus
  3. Tree by the river
  4. Monkeys uptown
  5. Half moon
  6. Rabbit will run
  7. Godless brother in love
  8. Big burned hand
  9. Glad man singing
  10. Your fake name is good enough

Gesamtspielzeit: 44:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
aha
2012-08-01 22:10:34 Uhr
klingt ja nicht schlecht die pladde
Susu
2011-05-28 23:02:00 Uhr
Also "Big Burned Hand" ist schon seeeeehr geil...
diggo
2011-05-20 08:14:09 Uhr
auf jedenfall ist live erkennbar, wie viel potenzial in den songs der ersten paar alben steckte. schade, dass beam da nur "geflüstert" hat. "richtig" gesungen sind die songs um einiges besser...
diggo
2011-05-20 08:04:49 Uhr
schaue mir gerade auf zdfkultur die aufzeichnung vom tonträgerfestival an - grossartige idee, das set acapella zu eröffnen!! grossartiger musiker, hoffe ihn bald mal live erleben zu können.
sam beam
2011-02-06 01:12:26 Uhr
der vorgänger the shepherd's dog war nicht ganz so poppig, ging aber auch in die bandsound-richtung mit funk, afrobeat usw.
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