Emily Jane White - Ode to sentience

Emily Jane White- Ode to sentience

Talitres / Rough Trade
VÖ: 05.11.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das bisschen Gefühlshaushalt

Dunkel war's, nicht einmal der Mond schien helle. Doch dann kam Emily Jane White. Brachte ihren Freund die Gitarre mit, setzte sich zu einem ins Unterholz, und plötzlich war alles gar nicht mehr so schlimm. Auch nicht mehr so düster wie auf "Dark undercoat" und "Victorian America", jenen beiden Alben, auf denen die Kalifornierin schöne, aber bisweilen dräuende Lieder über Liebestode, schlafende Dämonen und finstere Alpträume sang. Allesamt nicht die Dinge, nach denen sich die Mädchen auf dem Land sehnen - es sollte schon ein Cowboy in schimmernder Wehr oder wenigstens ein junger Mann aus dem Sägewerk mit einem Pickup-Truck sein, der es bis zur nächsten Großstadt schafft.

Mit dieser hat White jedoch wenig am Hut. Sie horcht lieber in sich hinein, in die Natur hinaus und verpackt ihre Huldigungen an die Empfindsamkeit der menschlichen Seele, an Flora und Fauna in gewohnt präzise arrangierten Folk von ausgesuchter Anmut. Wenig ist übrig von der bedrohlichen Nahtoderfahrung aus einem Song wie "Stairs" oder den unheilvollen Visionen von "Sleeping dead". Die Songwriterin hat ihren Frieden gemacht. Mit der Einöde des heimischen Kaffs, den inneren Dämonen und vor allem mit sich selbst und ihrer Musik. Entrückt seufzen Pedal- und Lap-Steel-Gitarre, die Percussion bäumt sich unmerklich auf und schwillt dann wieder ab wie falscher Alarm im Gefühlshaushalt, Geige und Cello zerren sachte an den fragilen Balladen, nicht aber an den Nerven.

Nur selten wird es einmal beweglicher oder gar aufmüpfig: "The cliff" deutet einen schwerfälligen Rock-Shuffle an, der zwar die Steilküste hinabstürzt, aber von behutsamen Streichern aufgefangen wird, "Requiem waltz" verliert sich spielerisch im Taumel eines Totentanzes, der jedoch den Verblichenen in ehrendem Andenken hält, statt zu sehr zu trauern. Denn wer im Leben die Liebe gehabt habt, dem wird es auch im Jenseits an nichts mangeln. Oder wie es White inmitten der weit ausholenden Naturmetaphorik von "Clipped wings" ausdrückt: "My blood is frozen in the absence of love." Und das will natürlich niemand.

Doch kommt Zeit, kommt auch die im Titel dieses Albums festgeschriebene Gefühlsregung: Heißt es in "The black oak" zunächst noch "I never loved you, darling", wird das böse "nie" alsbald durch ein ungleich holder tönendes "always" ausgewechselt. Die Piano-Kaskaden des wunderbaren "I lay to rest (California)" perlen danach wie eine prächtige Verheißung, und Whites Stimme bleibt über jeden Zweifel erhaben. "Ode to sentience" ist vielleicht ihr bisher leichtestes, am wenigsten die Vergänglichkeit und die Schattenseiten des Lebens erörterndes Album - aber trotzdem eine willkommene Ergänzung zum allmählich wachsenden Werk einer Musikerin, die offenbar nicht allzu viel falsch machen kann.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • The cliff
  • The black oak
  • I lay to rest (California)
  • Requiem waltz

Tracklist

  1. Oh Katherine
  2. The cliff
  3. Black silk
  4. The black oak
  5. I lay to rest (California)
  6. Clipped wings
  7. The preacher
  8. The law
  9. Requiem waltz
  10. Broken words

Gesamtspielzeit: 41:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Leatherface
2010-12-05 14:06:12 Uhr
"I Lay To Rest (California)" ist große Klasse.
Komplettstream
2010-11-10 17:24:16 Uhr
http://3voor12.vpro.nl/speler/luisterpaal/44131311#luisterpaal.44141897
Blackberry
2010-10-21 21:27:53 Uhr
fantastische songwriterin. von der stimmung vergleichbar vielleicht mit marissa nadler, (vom gesang her unterscheiden sich beide wiederum sehr stark).

der neue song gefällt mir ganz gut, wenn auch nicht so toll wie "victorian america" oder "liza".
Leatherface
2010-10-21 20:08:34 Uhr
Neues Album kommt am 5. November.

Black Silk
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