Scuba - Triangulation

Scuba- Triangulation

Hotflush / Al!ve
VÖ: 26.03.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Grenzerfahrungen

Kaum hat sich die Nadel auf die Platte gesenkt, geht das Massaker auch schon los. Metallische Sägezahnbässe schneiden durch den Raum wie durch Butter. Meterhohe Wobbelwellen drücken einen schier zur Tür hinaus. Frauen aufreißen wird schwierig mit derart lichtloser Testosteronmusik. Der aggressive Rave-Sound ist allerdings nur eine von zig Richtungen, in die sich Dubstep 2010 aufgefächert, wenn nicht gar aufgelöst hat. Kode9 und sein Label Hyperdub haben sich in UK Funky House und seine afrikanisch inspirierten Rhythmen verliebt. Leute wie Pangaea, Deadboy oder Pariah injizieren Garage House neues, euphorisches Leben. James Blake und Mount Kimbie basteln an eigenwilliger Electronica. Und Ramadanman und sein experimentierfreudiges Label Hessle Audio machen sowieso, was sie wollen. Auch wenn das meiste hiervon bei der Suche nach Grenzüberschreitung weder mit dem typischen Halfstep-Rhythmus noch mit klassischem Dub noch etwas zu tun hat, eint die Produzenten doch das Gewicht, das auf dem Spiel mit Pausen und Räumen liegt.

Paul Rose alias Scuba misst seinen Dubstep-Entwurf zwischen den drei Eckpunkten Techno, Garage House und Intelligent Dance Music aus. Schon das atmosphärisch dichte Debüt "A mutual antipathy" zeigte 2008, dass Rose alte Warp-Platten aufmerksam gehört hatte. Beinahe schlafwandlerische Tracks wie "The upside" oder "Poppies" ließen viel Raum für Gedanken, die in langen Nächten aus der Dunkelheit zu einem hereinkriechen. Auch "Triangulation" ist genretypisch ein Nachtalbum, variiert aber deutlich stärker das Tempo und bietet auch einige Dancefloor orientierte Tracks. Mal mit Aphex-Twin-artigem Intro, 2Step-Rhythmus und darüber gestreuten Vocals wie in "Three sided shape", mal mit Wumms, Swing und Industrieruinenfeeling wie in "Tracers". Auch kerzengerade 4/4-Beats sind mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. Für Scuba ohnehin nicht, wie sein Dubtechno-Nebenprojekt SCB zeigt.

Auf "Triangulation" springt "On decks" zu sägender Synthielinie und Four-to-the-floor auf und ab. Und am Schluss des Albums fährt "Lights out" mit Vollgas in einen Tunnel aus Reverb, Percussion und glitzernden Lichtern. Dazwischen packt Scuba emotionsgeladene Slow-Motion-Schleicher wie "Before" und "So you think you’re special", die mit weiblichem Gesang so etwas wie Dubstep-Balladen kreieren. In einem Interview gestand Scuba einmal seine Liebe zu alten Autechre-Platten und ihrer Verschmelzung von Atmosphäre, Melodie und innovativer Rhythmik. Gerade Autechres "Amber" hat es ihm besonders angetan. Es wundert daher nicht, dass es auch auf "Triangulation" immer wieder die Sehnsuchtsmomente gibt, die an diese Tradition anschließen. Am deutlichsten spürbar wird das bei "Latch". Während es unter dem Garage-Rhythmus bedrohlich brodelt, gleitet Scuba wie auf Schienen an nächtlichen Industrieanlagen vorbei, aus denen das Klagelied der Maschinen herüberdringt. Auch Burial ist Scuba nie näher als hier.

Bedenkt man, wie schlecht in den 90ern Drum'n'Bass-Alben funktioniert haben, erstaunt es, wie viele hervorragende Alben mittlerweile aus dem Dubstep-Kosmos hervorgegangen sind, die mehr sind als eine Aneinanderreihung von Maxisingles für den Dancefloor. "Triangulation" bildet da keine Ausnahme, sondern ist eher ein weiterer Höhepunkt. Umso mehr - das sei hier am Rande erwähnt - in der mittlerweile erhältlichen Ausgabe als Doppel-CD mit "Interpretations" betitelten Remixen. Wie schon auf dem hier rezensierten Originalalbum gibt es dort keine Ausfälle, sondern Bearbeitungen, die das ohnehin schon gute Ausgangsmaterial noch einmal kongenial neu interpretieren wie Deadboy mit einer euphorischen Garage-Version von "Before" oder Joe, der "So you think you’re special" zu einer skelettierten Jazzversion umdenkt. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Dubstep auch Disco und Tubaensembles mit einschließt. Spannender als Metallsägen ist es allemal.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Latch
  • On deck
  • Before
  • Tracers

Tracklist

  1. Descent
  2. Latch
  3. Three sided shape
  4. Minerals
  5. On deck
  6. Before
  7. Tracers
  8. You got me
  9. So you think you're special
  10. Heavy machinery
  11. Glance
  12. Lights out

Gesamtspielzeit: 61:00 min.

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