Pascal Pinon - Pascal Pinon

Pascal Pinon- Pascal Pinon

Morr / Indigo
VÖ: 03.12.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Rattenfängerinnen

Langsam klappen Holzfenster gegen eine Hausfassade, ein paar Köpfe richten sich zaghaft aus, lauschend. Die große Schwester Klara knufft den kleinen Bruder Sven in die Seite, nimmt seine Hand und zieht ihn aus der Tür. Draußen stehen schon die Nachbarskinder: Müllers, Fritzens, Schneiders. Alle bereit, sich auf den Weg zu machen. Was geht hier vor?

Da ziehen vier zarte Mädchen mit Flöten über die unbefestigte Straße und mit ihnen das halbe Dorf, melodiebetäubt und ein wenig entrückt. Die beiden reihen sich ein, Sven springt auf Klaras Rücken, und die Reise beginnt. Kein Blick zurück, vergessen das Mittagessen und auch die nasse Wäsche. Man munkelt, es handle sich bei den Vieren um Isländerinnen: Zwei 16-jährige Zwillingschwestern namens Jófrídur and Ásthildur, dicht gefolgt von Halla und Kristin. Sie alle auf den ersten Blick so fein und rein, das kann doch nicht sein und nein, das hier wird kein Reim. Zumindest nicht ganz, denn so einfach ist es nicht. Schließlich geht die Reise des Dorfnachwuchses nicht in den Vergnügungspark, sondern in den Wald und heißen Pascal Pinon nicht wie ein französisches Mandeldessert, sondern nennen sich nach einem zweiköpfigen Freak-Show-Star aus den 20ern des letzten Jahrhunderts.

"Pascal Pinon" wurde angeblich in einem Schlafzimmer mit Mikrofon in der Mitte aufgenommen, ganz ohne hypermodernes Klimbim, dafür aber mit hübschen Pubertätsköpfen, in denen H.D. Thoreau und Harry Potter gleichermaßen um Geltung flüstern. Draußen fallen die Blätter von den Bäumen, es gibt heiße Schokolade und Bratäpfel, Sigur Rós leiden nebenan. "My nose is cold and I shiver like a fly / But I don’t think of it that way / My mind is somewhere else today", singt es aus dem Schlafzimmer, und kurz darauf erklingt ein Glockenspiel.

Und schon ist da so ein Moment der Paradoxie, kennt man diese kleinen Instrumente doch eher aus Kinder-, als aus Schlafzimmern und wenn in "Árstíðir" die Gedanken momentan überall sind, nur nicht im Hier und Jetzt, ja, wo sind sie denn dann? Vorfreude löst Zweifel ab, der Staffelstab fliegt über die Ungeduld, landet wieder bei Euphorie, wird zwischen Schafgarbe abgelegt und dort kurz vergessen bis die Sehnsucht ihn an sich drückt. Nach einer knappen halben Stunde ist das Ziel erreicht, Neuanfänge sind besungen, das Erwachsenwerden auch und über allem schwebt das hohe Kling.

Die Adoleszenz von Pascal Pinon ist nicht zu leugnen, doch macht sie gerade dieses Faktum so unheimlich charmant und - der Blick folgt dem Kinderzug am Horizont - anziehend. "I wrote a song / I wrote it to you / I knew it was wrong / It was just something I do / And you should listen to it / And the words that I say / It’s so terrible shit / At least I know that toda / I don’t feel that way no more / I wish I did before". Gesungen wird, was einem durch den Kopf geht, gespielt, was da ist. Gedanken wie "Hat die erste Liebe einen doppelten Boden?" schießen durch den Kopf und auch Bilder von Vladimir Nabokov auf einer Waldlichtung.

Schlimm ist das nicht, im Gegenteil. Das viele reizende Grübeln, übersetzt in einfache, aber kluge Melodien brachte Pascal Pinon nicht nur eine Nominierung zu den Newcomern des Jahres auf der Heimatinsel ein, sondern auch einen Vertrag mit Morr, die mit somnambuler Sicherheit nicht zum ersten Mal Wege ins Nicht-Irdische einschlagen. "I wrote a song I wrote it to you…" klingt es und klingt es und klingt es. Angekommen?

(Carolin Weidner)

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Highlights

  • I wrote a song
  • Osonlagid
  • Moi

Tracklist

  1. Undir deidum himni
  2. Arstidir
  3. Badursbrar
  4. Orsonlagid
  5. Djöflasnaran
  6. I wrote a song
  7. New beginning
  8. Moi
  9. Sandur
  10. Kertid og husid brann
  11. En pu varst aevintyri

Gesamtspielzeit: 29:40 min.

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