Wyatt/Atzmon/Stephen - For the ghosts within

Wyatt/Atzmon/Stephen- For the ghosts within

Domino / Indigo
VÖ: 08.10.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bitte nicht nachmachen!

In einem erdachten Ideal kreativer Entfaltung sind Coveralben ja durchaus eine spannende Angelegenheit. Vertrautes in unvertrauten Gefilden aufzubrechen ist schließlich die Basis aller Abenteuer. Die schnöde Wirklichkeit sieht aber leider anders aus - mit Tendenz zu "schlicht" und "einfältig". Oftmals wird einfach das Originalarrangement übernommen, so dass man sich fragen muss: "Wieso das Ganze?" Oder aber ein wichtiger Grundstein wird derart verfremdet, dass man gleichermaßen fragend dreinblickt und nur noch ein "Hä?" hervorbringt.

Einfältigkeit kann man Robert Wyatt und dessen beiden Mitspielern Gilad Atzmon und Ros Stephen, die sich schon auf "Cuckooland" und "Comicopera" verdingt hatten, nicht vorwerfen. Denn auf "For the ghosts within" behandeln sie die operierten Originale insoweit mit Respekt, dass sie einerseits in ihren Grundfesten erkennbar sind, andererseits aber mit künstlerischem Anspruch analysiert und eingespielt wurden. Nicht ohne den befreienden Akt des Interpretierens folgen zu lassen. "For the ghosts within" entspricht einem faszinierenden Experiment auf mehreren Sphären: Die dumpfe, matte Melancholie der hinreichend bekannten amerikanischen Jazz-Standards wird nicht nur aufgelockert, sondern durch die wyatt-typischen weitflächigen, naiv-kindliche anmutenden psychedelischen Art-Rock-Elemente, multi-kulturell beeinflusste, mitunter hektische Folklore und orchestrale Kammerorchester-Arrangements emotionalisiert.

Der grundliegende Jazz-Ton erfährt auf "For the ghosts within" eine europäisch-semitische Färbung, was im Wesentlichen Gilad Atzmon zuzurechnen ist. Der britisch-israelische Holzblasmultiinstrumentalist brilliert in jedem der elf Stücke, im Besonderen aber in Duke Ellingtons "In a sentimental mood". Der klassische Beginn wird durch das von Stephen geleitete Streicherensemble getragen und erfährt dadurch einen Zusatz an zarter Schwermütigkeit. Erst dann setzt Atzmon mit Sopran-Saxophon ein und bricht die melancholische Struktur Sekunde um Sekunde entzwei. Ein improvisiert erscheinendes Solo schaukelt sich hoch zu einem auf- und ablassenden, repetitivem Minimalismus, bevor sich zuletzt die Wogen im Stile und Sinne Ellingtons glätten.

Neben begnadeten Aktionen von Einzelakteuren weiß "For the ghosts within" vor allem dann zu begeistern, wenn sich die Zurückhaltung der gesamten Mitmusikerschaft auflöst. Der Titeltrack "The ghosts within" zelebriert zunächst ein elektronisch unterlegtes, lang andauerndes Improvisationsmantra, bevor ein Akkordeon und die raue Stimme von Atzmons Gattin Tali einen gekonnten Chanson einleitet. Der Refrain ist es dann, der den Rahmen in Perfektion sprengen lässt: Eine euphorisierende Blockflöte, ein croonender Wyatt und das Klagen eines osteuropäischen Fischerchors vereinen sich zu Momenten reiner Ekstase.

Die Stärke von "For the ghosts within" liegt darin, dass sich bei enormer Bandbreite das viele Gewollte harmonisierend aneinanderschmiegt. So irritiert der arabische Rap von Abboud Hashem in "Where are they now?" und Wyatts konterkarierende Rolle als rhythmisch drauf los plapperender Märchenopa nur für Bruchteile von Sekunden, bevor beides ganz logisch zusammen passt. Stringente Balladen wie "Laura" oder "Lullaby for Irena", in denen Wyatts Lispeln nicht schöner hätte klingen können, bilden hierzu keinen Gegensatz, sondern fügen sich blind in die vielseitigen Ansprüche ein. "For the ghosts within" ist weniger ein schlichtes Coveralbum, sondern mehr eine künstlerisch gelungene Installation, die die Vereinigung von eigensinnigen Köpfen aufzeigt. Und dies geschieht jederzeit zugunsten des klassischen Materials, an dem sie sich behutsam und doch energisch austoben.

(Markus Wollmann)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Lullaby for Irena
  • The ghosts within
  • Maryan
  • In a sentimental mood

Tracklist

  1. Laura
  2. Lullaby for Irena
  3. The ghosts within
  4. Where are they now?
  5. Maryan
  6. Round midnight
  7. Lush life
  8. What's new?
  9. In a sentimental mood
  10. At last I am free
  11. What a wonderful world

Gesamtspielzeit: 56:58 min.