Console - Herself

Console- Herself

Disko B / Indigo
VÖ: 03.12.2010

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ein Robotermärchen

Elektronische Lebensaspekte sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Man liest schließlich permanent Magazine auf dem iPad, twittert anschließend seine Meinung über besonders gelungene oder missratene Artikel in die Welt hinaus und hat schon zwei gefühlte Wochen lang die Wohnung nicht verlassen, weil man in der Flirt-Community seiner Wahl vergeblich versucht hat, so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Zum Schlafengehen noch ein wenig im Facebook mit den Eselsohren geschmökert oder ein frisch heruntergeladenes Robotermärchen gehört - in verlustfreiem Digitalformat, versteht sich. Das heutige kommt von Console und damit von Notwist-Chefelektroniker Martin Gretschmann.

Doch süße Träume beschert es nicht zwangsläufig. Schon im zweiten Stück betrauert ein ehemals dienstbarer Geist geknickt die Rationalisierungsmaßnahmen seines früheren Arbeitgebers und das freudlose Dasein als Hartz-V4.0-Empfänger: "I'm just a fired ghost / I lost my job like most / Now they use new machines." Okay: Eigentlich ist es Vokalistin Miriam Osterrieder, die im wunderbar niedergeschlagenen Klopfer "A homeless ghost" zu diskretem Midtempo-Beat und Synthie-Geklöppel das arbeitslose Gespenst gibt. Doch das interessiert hier ausnahmsweise einmal nicht, denn selten war virtuelle Realität gleichzeitig trostloser und zauberhafter.

Doch Gretschmann geht es um mehr als bloß um fortgeschrittene elektronische Knuffigkeit mit hinterrücks hereingeschmuggelter, finanzkriselnder Komponente. Das wissen alle, die seit "14 zero, zero" vergeblich auf einen weiteren Flexipop-Hit des Weilheimers warten und von Platten wie dem shoegazend durchgeschmorten "Mono" meist enttäuscht wurden. Zwar sorgt Osterrieders Stimme auch auf dem Album mit dem femininen Titel für einen entrückten Charme, der die musikalische Distanziertheit der elf Tracks oft gelungen konterkariert - aber auch für dezente elektronische Tristesse. Stücke wie das beatlose "Walking the equator" oder "Bit by bit", eine desolate Erörterung digitaler Einsamkeit, können nämlich in den falschen Momenten genauso langweilen wie in den richtigen bezaubern.

Immerhin künden die exotischen Feldaufnahmen von "Leaving a century" von einer größeren Naturverbundenheit, als man sie diesem jenseitig bleependen und clonkenden Album zutrauen möchte. Am lebhaftesten wird es in den instrumentalen Parts: Mit minimalistischen Breakbeats, getriggerten Vocal-Samples und einem Hauch von Dubstep laviert sich Gretschmann äußerst beweglich durch "Cutting time", während sich "Upon" vom Zeitlupenstampfer zum treibenden kosmischen Kurier auswächst - was "Herself" stellenweise genau die Portion Swing verleiht, die den schwermütigen Passagen oftmals abgeht. Und zum Schluss beschleicht einen das Gefühl, dass elektronische Lebensaspekte und virtuelle Realität dann wohl doch nicht der ganz wahre Jakob sein können. Da hilft nur eine Mail an die Online-Seelsorge: "Real Life? Sagt mir nix. Schick mal Link." Und wieder zwei Wochen warten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • A homeless ghost
  • Cutting time
  • Upon

Tracklist

  1. She saw
  2. A homeless ghost
  3. Walking the equator
  4. Cutting time
  5. Bit for bit
  6. Dropped down
  7. Upon
  8. Her eyes
  9. Leaving a century
  10. Of time
  11. For herself

Gesamtspielzeit: 57:23 min.

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User Beitrag

ummagumma

Postings: 693

Registriert seit 15.05.2013

2016-02-01 21:50:56 Uhr
Sehr homogenes Album, nicht durchweg packend aber auch weit entfernt davon ein Skip-Stück zu haben
Highlights für mich der Anfang von She saw, upon, of time und For Herself

Klar unterbewertet hier
7-7,5 /10
IFart
2011-12-06 20:55:59 Uhr
gerade wieder gehört und über die wertung hier schmunzeln müssen.

13&mod
2010-12-20 22:55:33 Uhr
nee nee nee, 5 punkte sind zu wenig, ich schwanke ebenfalls zwischen 7 und 8(und irgendwie hört sich der text auch nach mehr als nach 5 punkten an).
musie
2010-12-20 17:45:22 Uhr
mir gefällt das album total. black noise für die entspannte stunde. eine 7/10 ist das schon für mich, mindestens.
Ist echt so...
2010-12-20 17:44:10 Uhr
Oliver Ding = Der Mann, der gerne mal 1-2 Punkte zu viel gibt

Christian Preußer = Der Mann, der gerne mal 1-2 Punkte zu wenig gibt
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