Natalie Merchant - Motherland

Natalie Merchant- Motherland

Elektra / Eastwest / Warner
VÖ: 12.11.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unter der Decke

Als die 10,000 Maniacs bei MTV Unplugged umjubelt wurden und kurze Zeit später mit ihrer ergreifenden Fassung von "Because the night" den wohl größten Hit ihrer Karriere hatten, war diese auch fast schon wieder vorbei. Nach dem Ausstieg von Sängerin Natalie Merchant tummelt man sich zwar noch gemeinsam und ist sogar zeitweise produktiv, aber im Gegensatz zu den ersten Solo-Werken ihrer ehemaligen Vorsteherin bleibt dies eher unbeachtet. Mit ihren Alben "Ophelia" und "Tigerlily" trat diese weit mehr als nur aus dem Schatten der Maniacs heraus.

Das Licht, das nun über "Motherland", Merchants drittem Studioalbum, aufgeht, brennt anfangs wie sengende Wüstensonne. Ein orientalischer Reggae zerfließt mit dunklem Nörgeln und der warmen Stimme Merchants. Man hört die Zornesadern förmlich auf ihrer Stirn hervortreten. Doch der Auftakt erwischt den Hörer auf dem falschen Fuß. Merchant kommt nämlich keineswegs als Racheengel über uns, sondern drückt uns eher an ihre Verständnis versprechende Mutterbrust. Wenn Van Dyke Parks ein butterweiches Akkordeon erklingen läßt, Erik Della Pennas Gitarren perlen oder Stephen Barbers Streicher sanft durch die Luft schweben, findet man dort schnell ein weiches Ruhekissen.

Doch Merchant hat noch anderes im Sinn. Als selbstbewußte Sozialkritikerin engagiert sie sich gegen Oberflächlichkeit und mangelnde Rücksicht. "Saint Judas" ist ein bittere Anklage gegen selbstherrliche Lynchjustiz, und das stumme Banjo klingt wie der sprichwörtliche Kloß im Hals. Ihrer Faszination für die Schwachen und Ausgegrenzten verdankt "Motherland" denn auch seinen absoluten Höhepunkt. Im fragilen "Henry Darger", einem Autor und Zeichner gewidmet, der jahrelang Abertausende von Seiten für einen letztlich unveröffentlichten Roman ansammelte, umweht ein eiskalter Hauch eine bittersüße Stimme. Singende Celli und klagende Hörner richten wehrlose Nackenhaare auf.

Mitproduzent T-Bone Burnett (Counting Crows, Elvis Costello, The Wallflowers) strickte einen verhaltenen Grooveteppich, um Merchants beseelte Stimme in den Mittelpunkt zu rücken. Zwar erklingt mancher Augenblick, in dem sich ihr Folk zwischen Rhythm und Blues verliert, trotz der stimmgewaltigen Hilfe von Gospel-Legende Mavis Staples ein wenig zu poliert. Doch wenn Merchant zu den milden Klängen von "The worst thing" von den Fallstricken singt, die die Liebe bereithält, oder in "I'm not gonna beg" sanft, aber bestimmt Aufrichtigkeit einfordert, breitet sich ihre Stimme wie eine kuschelige Decke aus, unter die man kriechen kann, wenn es in der Welt dort draußen mal wieder zu kalt geworden ist.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Henry Darger
  • The worst thing

Tracklist

  1. This house is on fire
  2. Motherland
  3. Saint Judas
  4. Put the law on you
  5. Build a levee
  6. Golden boy
  7. Henry Darger
  8. The worst thing
  9. Tell yourself
  10. Just can't last
  11. Not in this life
  12. I'm not gonna beg

Gesamtspielzeit: 58:20 min.

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