Polarkreis 18 - Frei

Polarkreis 18- Frei

Vertigo / Universal
VÖ: 26.11.2010

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Kälter als draußen

Was passiert, wenn sich eine aufstrebende Indie-Combo in vollem Kunstbewusstsein ganz nah an die Kitschschwelle heranwagt und nur noch durch das Federgewicht ihrer Melodien auf der guten Seite gehalten wird? Wenn sie eine charmant-unbeholfene Sprachmixtur mit flottem Synthpop mischt und damit die zerrissene Seele konsensfähig macht? Wir alle kennen die Gefahr: Der Mainstream, dieses unersättliche Monster, wartet mit weit aufgerissenem Schlund auf solch leichte Opfer.

Was also ist mit Polarkreis 18 passiert, nachdem sie mit "Allein, allein" und "The colour of snow" plötzlich in den Pop-Himmel durchgestartet sind? "Frei", das dritte Album der Dresdner, liefert eine Antwort, die nicht gefallen mag. Schon der titelgebende Opener prostituiert sich der leichten Charts-Muse, rutscht aber übel auf verschmierter Mascara aus. Goldkehlchen Felix Räuber stolpert durch sinnfreies Denglish wie ein kastrierter Falco. "Ich bin frei", säuselt er, und man will ihn dafür einsperren. Verglichen damit geht sogar die seifige Single "Unendliche Symphonie", die "Allein allein" ohne die melancholische Grundierung nacherzählt, noch als wenigstens nur peinlicher Ohrwurm durch. "Deine Liebe" klebt und geht Dir auf den Geist. Die Band behauptet, von Franz Schuberts "Winterreise" inspiriert zu sein, schmust hier aber viel lieber mit Modern Talking. Der komplette Anfang des Albums ist hyperglykämischer Mist, der einem jede Zuneigung mit wucherndem Streicherbombast ordentlich austreibt.

Musikalisches Feingefühl drängen Polarkreis 18 auf diesen drei Bubblegum-Singles mit Pomp und Halleluja in die Ecke. Selbst ein Sensibelchen wie "All that I love" wird mit Kirchenglocken zu Crescendo und Hall auf Rauschgoldengel getrimmt. Wo die Dresdner ihren Flirt mit der leichten Muse immer mit großer Bedeutung rechtfertigten, entsteht mittlerweile un nur noch schlichtes Kunsthandwerk. Das Zuviel an Euphorie steht ihnen offensichtlich nicht. Nicht mal mal für den Weihnachtsmarkt im Erzgebirge reicht's, weil der Sound so anämisch ist, dass er in der Nähe eines Räuchermännchens tot umfiele.

Doch dann kommt "Evergreen" und stellt einiges wieder richtig. Das Schlagzeug traut sich, mal gegen den Takt zu bürsten, und auch Gitarren sind wieder als solche zu erkennen. Natürlich dräuen auch hier die Streicher, aber plötzlich hält die Dauerbeschallung inne. "Letting go" lässt dann sogar ein zackiges Riff los, und "Small space between" probiert sich endlich mal ohne penetranten Beat an der großen Geste. So bemüht sich die zweite Hälfte von "Frei" redlich, die Schmach der ersten Halbzeit vergessen zu machen. Richtig gut wird's aber erst bei "Sleep rocket", das mit synkopiertem Stakkato aufwartet und die Freiheit nicht mit Zuckerwatte und Paradiesapfel feiert, sondern nur sehnsüchtig danach träumt. "Dark and grey" nimmt sich angenehm zurück, hält dafür aber am Tempo fest. Und in "Elegie" dürfen die Emotionen wieder in alle Richtungen fließen. Das ist aber nicht mehr die ejakulierende Romantik des Beginns, sondern subtile Melancholie. Gedämpftes Licht und perlendes Moll zeigen, dass die Sachsen die gewohnte Qualität doch noch erreichen können. Wenn nur der Wunsch der Vater des musikalischen Gedankens ist.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Letting go
  • Sleep rocket
  • Elegie

Tracklist

  1. Frei
  2. Unendliche Symphonie
  3. All that I love
  4. Deine Liebe
  5. Evergreen
  6. Letting go
  7. Small space between
  8. Sleep rocket
  9. Dark and grey
  10. Elegie

Gesamtspielzeit: 35:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
volvox
2010-11-01 18:41:38 Uhr
Die sollen lieber wieder in ihren Träumen tanzen!
lolcock
2010-11-01 09:36:32 Uhr
Dieser bekackte deutsch/englisch Mischmasch nervt, von der Musik ganz zu schweigen.
Als "Jack of all trades" waren sie wenigstens noch in Ordnung.
Blackberry
2010-11-01 08:54:53 Uhr
ALLEIN ALLEIN
Berni
2010-10-31 17:04:28 Uhr
Ja, irgendwie 80-er Pet Shop Boys, auch die Bad Boys Blue sind nicht so weit entfernt. Trotzdem: ich find's ganz okay, besser als z.B. das Titelstück des letzten Albums.
night porter
2010-10-31 15:31:31 Uhr
Die Single Unendliche Symphonie ist bis zur Zahnschmerzgrenze kitschig. Wem das noch nicht reicht, der darf sich auf Deine Liebe freuen, das ungeniert Modern Talking seine Referenz erweist. Nicht etwa versteckt und nur bei konzentriertem Zuhören wahrnehmbar, sondern derart brachial und aufdringlich, dass einem alles aus dem Gesicht fällt.

Die Musik ist zwar mittlerweile unhörbar, bleibt aber dennoch sympathisch. Wenn diese derart dreist zur Schau gestellte Uncoolness den Chartserfolg nicht verhindern sollte, ist zumindest schon mal klar, was so zu Weihnachten in fast jedem Geschäft als Hintergrundmusik laufen wird.
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