Peter Broderick - Music for contemporary dance

Peter Broderick- Music for contemporary dance

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 12.11.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Transformer

Es waren schon merkwürdige Zustände, die sich da vor etwas mehr als zwei Jahren abspielten. Das Plattentests.de-Update war gerade ein paar Minuten alt, als sämtliche Internetsuchmaschinen nur nach einem einzigen Thema fündig werden sollten. Helfen konnten sie allerdings kaum. Und auch MySpace, vom Kultstatus her einigermaßen mit dem heutigen Liebling namens Facebook zu vergleichen, konnte bei der Interpretensuche kaum weiterhelfen. Rasch eine SMS an den musikbegeisterten Freund geschrieben. Ob er schon mal etwas von dem usbekischen Flötenspieler gehört habe? Nein - aber der hat mit seinem damals veröffentlichten Album "Home" tatsächlich das Album der Woche auf Plattentests.de eingeheimst? Wirklich? Zumindest lautete die Überschrift "Der usbekische Flötenspieler". Und für die nächsten Minuten suchte man schon zu zweit, zu dritt, zu viert.

Doch die Auflösung folgte schon nach kurzer Zeit. Der usbekische Flötenspieler war in Wahrheit weder Usbeke noch der Flöte zugetan. Tatsächlich war der damals 21-jährige Amerikaner Peter Broderick aber kein unbeschriebenes Blatt. Als Quasi-Mitglied bei Efterklang stand ihm bei Kennern zumindest schon ein wenig Aufmerksamkeit zu, mit seinem damals veröffentlichten Album "Home" kamen noch ein paar mehr hinzu. Seitdem wurde es, so scheint es, ruhig um Broderick. Dass er in seiner Heimat weiter emsig seine Sachen veröffentlichte, bekam man hierzulande kaum mit. Dass das mit ein Grund dafür sein dürfte, warum das neue Album "Music for contemporary dance" eigentlich eine Compilation aus zweien ist, liegt auf der Hand.

Denn zugegebenermaßen ist das Zusammenspiel aus dem 2009er Album "Music for falling from trees" und dem Soundtrack zu "Congregation", dem neusten Projekt von KMA (Kit Monkman und Tom Wexler) gewöhnungsbedürftig, zumindest für Fans des bekannten seinem damals veröffentlichten Album "Home". Broderick hat es nach Berlin verschlagen, und irgendwo auf seiner Reise begegnete er seinem Labelkollegen Nils Frahm, einer guten Adresse für Fans der modernen klassischen Musik. Von dessen Stil ließ er sich inspirieren, und so hängt der Himmel auf "Music for contemporary dance" voller Geigen. Keines der elf Lieder, mit Ausnahme des Openers "Part 1: An introduction to the patient", wird hier ohne ein riesiges Aufgebot an Streichern auf die Bühne geschickt. Auf "Part 3: Pill induced slumber" liefern sich diese ein Wettrennen mit dem Klavier, ein weiteres Merkmal für den Einfluss Frahms, während "Part 7: The path to recovery" so sehr an (den mit Frahm auf Tour gegangenen) Ólafur Arnalds erinnert, dass sich der usbekische Flötenspieler nicht nur für einen kurzen Augenblick in einen leibhaftigen isländischen Organisten verwandelt.

"Part 2: Patient observation" gibt das vertonte Fenster zum Hof. Fast zögerlich beginnt hier das Klavier nur mit kurzen, prägnanten Tönen die Streicher zu untermalen, die unheilsschwangere Melodien und Geschichten erzählen, nicht nur eine, nicht nur zwei. Abrupt endet das Stück, ohne wirklich zu Ende zu sein, im Gegenzug klingt "Part 2: Understanding" in der zweiten Hälfte des Albums um einiges versöhnlicher. Das Glockenspiel hat einen erlösenden Effekt auf den Hörer, der, wenn er sich darauf einlässt, von "Music for contemporary dance" vollkommen eingenommen wird. Da ist Mitmachen angesagt, während andere vielleicht nur zuschauen wollen. Das kann "Part 4: Disappearance" zum Ende hin nicht zulassen: Wie ein kaum endenwollender Abschied legt er sich bleischwer aufs Gemüt, zieht alles mit sich in die Tiefe und im selben Moment wieder meilenweit herauf. Der neue Broderick hat sich verändert, ist düsterer und noch musikalischer geworden. Schwächer? Beileibe nein. Aber wer hier nur noch auf die Flöte wartet, wird sein blaues Wunder erleben.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Part 3: Pill induced slumber
  • Part 7: The path to recovery
  • Part 1: Discovery
  • Part 3: Differences

Tracklist

  1. Part 1: An introduction to the patient
  2. Part 2: Patient observation
  3. Part 3: Pill induced slumber
  4. Part 4: The dream
  5. Part 5: Awaken / Panic / Restraint
  6. Part 6: Electroconvulsive shock
  7. Part 7: The path to recovery
  8. Part 1: Discovery
  9. Part 2: Understanding
  10. Part 3: Differences
  11. Part 4: Disappearance

Gesamtspielzeit: 52:44 min.

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