Angelika Express - Die dunkle Seite der Macht

Angelika Express- Die dunkle Seite der Macht

Peng / Cargo
VÖ: 26.11.2010

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Zeitdiebe

Zeit ist Geld? Man kann nur hoffen, dass das nicht stimmt, denn sonst wäre die Menschheit vermutlich bettelarm. Arbeit, Freizeitstress, Pilzrahmsuppengelage, Plattentests.de - schon weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Und dann gibt es auch noch Angelika Express. Viel schöner als mit der Kölner Schrammel-Bubblegum-Institution kann man seine Zeit eigentlich gar nicht verplempern. Stromgitarre eingestöpselt, Kehle geölt, circa ein Dutzend Mal wie ein Flummi zum frohgemuten Punk-Pop der Band um Robert Drakogiannakis herumgehüpft, und wieder ist eine Dreiviertelstunde beim Teufel. Wie die das machen? Berechtigte Frage. Nur so viel ist klar: Sie machen es gut. Schöne Alltagskatastrophen, verkrachte Existenzen, Liebe in den Zeiten von Hartz IV und Neokonservativismus - willkommen im schief grinsenden Wunderland des Powerpop.

Stets mit jugendlicher Entgeisterung in der Stimme vorgetragen, von gut durchgebratenen Riffs begleitet und melodieselig bis zum letzten Ba-ba-ba-Refrain. Nichts ist ominös genug, als dass Angelika Express es nicht zu einem himmelsstürmenden Rocksong mit Herz und Hirn verarbeiten könnten. "Herdplatte an" ist der Hit für alle Zwangsneurotiker ohne Hausratversicherung, die ständig Schreckensbilder von explodierenden Elektroinstallationen halluzinieren, "Wo ist Herr Schlimm" projiziert die Aggression des armen Schluckers auf die dunkle Gestalt eines Vollstreckungsbeamten - inklusive einer Melodie, die so unwiderstehlich lodert wie die Wut des Leidtragenden. Und auch wenn Drakogiannakis bei "CDU und Du" schmachtend Gefühle für die Dame aus der Jungen Union entdeckt, schlägt sein Herz im Grunde doch für die Kaputten und Verpeilten: "Heute traf ich dieses Mädchen / Sie meinte, sie sei ein viel zu kleines Rädchen / Und so, wie die Dinge laufen / Sei ich verpflichtet, für sie Schnaps zu kaufen." Gesungen, getan. Und prost.

Die Hauptinspirationen der Band sind dabei nicht schwer auszumachen, wenn man etwas genauer hinhört. "Christin", der Song über die Freundin in den Fängen vermeintlicher Perverser und Verbrecher, leistet sich mit dem Basslauf von "Town called malice" einen The-Jam-Gedächtnisanfang, der Partytrack "Die Kanonen von Ehrenfeld" rekapituliert donnernd The Clashs "Guns of Brixton" vor der Kulisse der lokalen Indie-Szene, und ein Titel wie "Lebenslänglich Beatles" bedarf ohnehin keinerlei Erklärung. Wem all das zu naheliegend ist, der kann immer noch zu "Ekelhaft glücklich" verliebte Pärchen im Park vergiften oder beim vergnüglichen "Wohin nur mit den Milliarden" ein Freudenfeuer aus Banknoten anzünden. Und trotz teilweise hinkender Reime und eines recht blassen englischsprachigen Duetts mit Aydo Abay gehen auch diese knappen 45 Minuten rum wie nichts. Doch Angelika Express hätten da zum Schluss noch eine Idee: "Ich klau die Zeit zurück". Wenn das nur immer so einfach wäre wie auf "Die dunkle Seite der Macht".

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Wo ist Herr Schlimm
  • Ekelhaft glücklich
  • Die Kanonen von Ehrenfeld
  • Wohin nur mit den Milliarden

Tracklist

  1. Herdplatte an
  2. Wo ist Herr Schlimm
  3. Ekelhaft glücklich
  4. Christin
  5. CDU und Du
  6. Macht blau
  7. Hey Rudi
  8. International Punkrock Jetset (feat. Aydo Abay)
  9. Lebenslänglich Beatles
  10. Die Kanonen von Ehrenfeld
  11. Schwein aus dem Weltraum
  12. Wohin nur mit den Milliarden
  13. Ich klau die Zeit zurück

Gesamtspielzeit: 44:10 min.

Threads im Plattentests.de-Forum