Syd Matters - Brotherocean

Syd Matters- Brotherocean

Because / Al!ve
VÖ: 19.11.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Sydsee

Wasser ist Leben. Stille Wasser sind Stilleben. Und die Kunst daran ist: in sie eintauchen zu können, als hätte man sie höchstpersönlich erschaffen; als hätte man jedes kleine Detail, jedes hingehauchte Schweigen und jeden zart schraffierten Zwischenton in einer handgeschriebenen Partitur festgelegt und würde nun die Pracht der eigenen Phantasie dirigieren. Syd Matters können das. Und sie können noch mehr: aus Stilleben fließende Gewässer zaubern, beispielsweise. Gedanken choreographieren und in Musik verwandeln. Klangteppiche aus Unterwasserwelten knüpfen. Korallenriffe are the new Gitarrenriffs.

Wer in "Brotherocean" eintauchen möchte, dem sei das Mitführen eines großzügigen Sauerstoffvorrats empfohlen, denn auch das vierte Album des französischen Quintetts um Jonathan Morali ist nicht weniger als atemberaubend. Auch wenn es zunächst so erscheint, als ob die Tiefe des Meeres ihre Geheimnisse nicht so bereitwillig preiszugeben gedenkt wie vor gut zwei Jahren "Ghost days", jenes Vorgängeralbum, das sich ebenfalls einer Forschungsreise in von der Außenwelt abgeschnittenes Terrain widmete. Doch die Wahlverwandtschaft ist schnell besiegelt - "Soon we'll become family members / Brotherocean / River sister", verkündet Morali in "We are invisible". Während der gesamten Dreiviertelstunde geht es eigentlich nur um eines: die Reise eines Tropfens im Ozean. Und warum man unsichtbar und trotzdem Teil von etwas ganz Großem sein kann.

Gewaltig ist auch der Einfluss von Literatur auf Moralis Schaffen. Dass die Percussion im überraschend synthetisch angereicherten Opener "Wolfmother" wie eine verstärkte Schreibmaschine klingt, kann also kein Zufall sein. Nichts habe seine Lieder in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie der Roman "Die See" von John Banville. Und weil Feuer und Wasser ja irgendwie zusammengehören, idealerweise in dieser Reihenfolge, beschäftigen sich die ersten beiden Stücke, "Wolfmother" und "Hi life", mit brennenden Häusern. Dieses Thema hat Morali William Faulkners Werk "Licht im August" entliehen. Und um den literarischen Reigen zu komplettieren: "Hallalcsillag" trägt den Namen eines von Gabriel García Márquez ersonnenen Geisterschiffs. Der Song mit der ungeduldigen Klampfe entstand direkt nach der Lektüre der gleichnamigen Geschichte und hat sich deren Wortgewandtheit zu eigen gemacht, in herrliche Vokal-Arrangements gegossen.

"Brotherocean" ist eine Expedition, ein Abenteuer, eine Eroberung. Das Meer gibt den Takt vor; die Stücke sind rhythmisch reizvoll, perkussiv pulsierend, manchmal auch wunderbar wogend. "A robbery" wird die Herzen im Sturm erobern, und das mit einem windstillen Folkgeflecht aus fein perlendem Piano, kleinlauter Akustikgitarre, tirilierender Flöte und sanftem Schlagwerk. Das Schönste aber ist diese idyllische Gesangsmelodie, in der auch ein winziger Hauch Chanson steckt. Syd Matters kommen schließlich aus Paris. Musikalisch würden sie allerdings eher nach Kanada passen, als die etwas ruhigeren und weniger versponnenen Nachbarn von Patrick Watson. Oder nach Denton, Texas - zumindest beschreiten Melodie und Gesangsharmonien auf "Brotherocean" gelegentlich Wege, die auch Midlake nicht unbekannt sind.

Manchmal führen diese Pfade auch ins Reich des Unterbewusstseins: Das mystisch schwebende "Rest" erzählt minutiös einen Traum nach und entwickelt, wie auch "River sister", einen ungeheuer dynamischen Sog. Ohnehin müssen diese Stücke als Strudel begriffen werden, mehr noch: als kleine Naturgewalten. Dass die Quasi-Gospel-Nummer "Hadrian's Wall" ausgerechnet nach einem römischen Grenzbefestigungssystem benannt ist, kann selbstverständlich nur ein Scherz sein. Denn spätestens bei diesem, dem letzten offiziellen Stück - danach folgt noch ein Hidden Track, der auf einer Variation der Backing Vocals aus dem ersten Lied basiert - dürfte nun wirklich jedem klar sein, dass es auf diesem Album keine Grenzen gibt. Und selbst wenn, dann wären sie fließend.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Hallalcsillag
  • A robbery
  • River sister
  • Hadrian's Wall

Tracklist

  1. Wolfmother
  2. Hi life
  3. Hallalcsillag
  4. A robbery
  5. We are invisible
  6. River sister
  7. Lost
  8. Rest
  9. I might float
  10. Hadrian's Wall

Gesamtspielzeit: 44:57 min.

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