Giant Sand - Blurry blue mountain

Giant Sand- Blurry blue mountain

Fire / Cargo
VÖ: 22.10.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Im Halbschlaf

Howe Gelb unstetes Handels vorzuwerfen, ist ungefähr so, als würde man schwarzgelben Regierungen Unfähigkeit unterstellen oder Schnecken langsam nennen. Man stellt Offensichtlichkeiten fest, die eigentlich zum grundlegenden Prinzip gehören. Nach einem dänischen Trennungs- und einem kanadischen Gospel- und einem transatlantischem Frauen-Album ist Gelb jetzt zurück in der Wüste von Arizona. Und wenn sich Gelb schon auf eine Konstante einlässt, dann nur darauf, dass seine Musik weiterhin so wunderbar windschief daherkommt wie die zerfallene Holzhütte auf dem Cover von "Blurry blue mountain".

Nach 25 Jahren, von denen fast jedes entweder von Giant Sand oder durch eins von Gelbs vielen Nebenprojekten mit einer Veröffentlichung beglückt wurde, musste auch mal eine kleine Pause sein. Für das ungefähr vierundzwanzigste Album - apokryphe Veröffentlichungen und Nebenwerke geflissentlich ignoriert - seiner Hauptband bewegte sich Gelb in die Welt zwischen Wachheit und Schlaf. Absichtlich, um dies einmal zu betonen. Denn schon immer schlurfte seine Musik um die Ecke, als hätte jemand seine Betäubungsmittel nicht ganz vorschriftsmäßig eingenommen.

Auf "Blurry blue mountain" führt die gewollte Dösigkeit dazu, dass Giant Sands Americana-Grundierung so stark durchscheint wie schon lange nicht mehr. Aber Gelb wäre nicht der coolste Schnauz-und-Kinnbart-Träger nördlich des Rio Grande, wenn er diesen Nicht-Country nicht wieder herrlich durchlöchern würde. Schon in "Fields of green" sorgt das flackernde Lagerfeuer für reichlich Rauch auf Gelbs Stimmbändern. Und der flötet ein fröhliches "They've been killing off all my hereos / Since I was 17" hinterher. Die Gitarre hält so lange durch, bis das Klavier sanfte Unterstützung anbietet. Hier ist kein Sturm und kein Drang, alles ist hoffnungsfroh resigniert. Durch die vielen Lücken und Löcher hört man die Landschaft vorbeiziehen. Und das Leben. "That what doesn't kill you / Really does make you stronger."

Der Opener ist in seiner sanften Hingeworfenheit exemplarisch für "Blurry blue mountain". Gelb untergräbt vertraute Klänge und weidet die verunfallten Reste mit zärtlicher Genüsslichkeit aus, als hätte Frank Zappa mal eben Creedence Clearwater Revival aufgemischt. Immer wieder gibt Gelb den hauchenden Crooner, der sich ganz in den Schmalz wirft, den der Song verlangt. Der Reverb wabert ein bisschen, und manchmal entkommt die wunderbare Harmonie dem rostigen Charme des Sängers sogar bis zum Schluss. Das geht manchmal nur mit Hilfe: Lonna Kelly hegt das waidwunde "Lucky star love".

Gelb verwischt das träge Barpiano von "Chunk of coal", vernarbt den süffigen Funk von "Brand new swamp thing" und steigert sich dann gar noch in die lysergsaure, an Black Francis und den frühen Nick Cave gemahnende Nöligkeit des Dauerbrenners "Thin line man". Zwischen dem traditionsbewussten Bom-Tshika-Bom von "Ride the rails", dem sirupartigen Saloon-Jazz von "Time flies", der krautigen Americana aus "Monk's mountain", dem Wüstenwind-Reggae "Erosion" und dem staubigen Zweieinhalbton-Blues von "Better man than me" mögen mehrere Eisenbahnwaggons liegen. Aber dank Gelbs rustikaler Vermittlung kuschelt sich alles eng aneinander. Es wird schon niemand ansteckend sein.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Ride the rail
  • Thin line man
  • Brand new swamp thing
  • Better man than me

Tracklist

  1. Fields of green
  2. Chunk of coal
  3. The last one
  4. Monk's mountain
  5. Spell bound
  6. Ride the rail
  7. Lucky star love
  8. Thin line man
  9. No tellin'
  10. Brand new swamp thing
  11. Erosion
  12. Time flies
  13. Better man than me
  14. Love a loser

Gesamtspielzeit: 50:46 min.

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