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Three Mile Pilot - The inevitable past is the future forgotten

Three Mile Pilot- The inevitable past is the future forgotten

Temporary Residence / Cargo
VÖ: 15.10.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tiefdruckgebiete

Es gibt diese Abende, da versinkt man förmlich in einem Sitzsack aus Melancholie. So sehr man sich auch müht, ein Entkommen scheint aussichtslos. Vor dem inneren Auge erscheinen Bilder von vergangenen Chancen, verblichenen Erinnerungen und ehemaligen Liebschaften. Selbst wenn einem bewusst ist, dass diese verklärten Momente rational keinen Sinn ergeben, gibt man sich voll und ganz hin. Der Rotwein tut sein Übriges, und schon kullern erste Tränen über die erröteten Wangen, schließlich spielt auch Verlust eine Rolle. Wem solche Szenarien nicht schon genug Autopoiesis bieten, der wird sich mit dem neuen Album der edelbitteren Indierock-Gruppe Three Mile Pilot im Kämmerlein einsperren und so lange Repeat drücken, bis Staudämme brechen und der eigene Verstand nicht mehr klar denken kann.

Three Mile Pilot waren nie wirklich weg, doch die Seitenprojekte der Mitglieder waren schlicht zu erfolgreich und zeitintensiv. Bassist Zach Smith verdingte sich bei den zackigen Pinback, während Gitarrist Pall Jenkins mit The Black Heart Procession ätherisch-düsteren Endzeit-Rock formulierte. So musste man nun stolze 13 Jahre auf ein neues Album warten. Ein Umstand, den ein Song wie das perlende "Still alive" beinahe programmatisch thematisiert. "The inevitable past is the future forgotten" ist das lang ersehnte Statement einer vermisst geglaubten Band, die eigentlich nie zur Disposition stand. Zeit ist im Kontext von Three Mile Pilot sowohl ein nötiges Übel als auch ein seltenes Gut: Das Universum der ablaufenden Sanduhren steht im Mittelpunkt, wenn die Band melancholische Sternguckermusik spielt. Immer wieder erwacht das dynamisch wirbelnde Piano und flankiert die markerschütternde Stimme von Jenkins, wenn er Verse über innerliche Gefrierbrände anstimmt: "This cold weather is chilling my bones". In "Same mistake" vollführen Three Mile Pilot einen waghalsigen Drahtseilakt, unter ihnen ein alles verschlingendes schwarzes Loch, doch sie halten die Balance zwischen Intimität und Intensivität mit der ruhigen Bedachtsamkeit eines Hirnchirurgen.

"The inevitable past is the future forgotten" platziert sich mit Grabesstimme und Tränensäcken ganz tief im Stimmungskeller, direkt neben The National, die mit "High violet" dieses Jahr ein ähnlich gelagertes Album veröffentlicht haben. Beide Alben sind emotionale Tiefdruckgebiete, affektive Grabenkämpfe werden hier wie da ausgefochten: Stets schwelgend, aber nie resignativ. Und selbst wenn es im wenig erbaulichen "Planets" heißt "Cut me down / And mess me up / Oh yes, you've done it again", so geschieht dies doch aus der sicheren Deckung des Zynismus, der in uns allen köchelt. Die Dämonen müssen besiegt werden: Ob mit traurigen Streichern oder wirbelndem Bass, die Wahl der Qual steht für jeden Einzelnen offen. Und wenn man die eigenen bösen Geister lediglich in einem Meer aus Moll und Wein ertränkt. In einem abgedunkelten Zimmer und dem Finger auf Repeat. Sic itur ad astra.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Still alive
  • Same mistake
  • Days of wrath

Tracklist

  1. Battle
  2. Still alive
  3. Grey clouds
  4. Same mistake
  5. What I lose
  6. Left in vain
  7. The threshold
  8. One falls away
  9. Days of wrath
  10. Planets
  11. What's in the air
  12. The premonition

Gesamtspielzeit: 53:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Der Wanderjunge Fridolin

Postings: 2932

Registriert seit 15.06.2013

2021-07-19 22:59:11 Uhr
Hübsches Album, das viel Melancholie versprüht und durchaus ein bisschen Aufmerksamkeit verdient hätte. Hatte gerade den ersten Durchlauf seit 2010. Wie die Zeit doch verfliegt.
DasSeinUndDasNichts
2010-11-02 09:48:06 Uhr
Endlich angekommen u. sehr schön aufgemacht. Schönes DigiPack mit nem kleinen Booklet (8 Seiten, mit allen Texten) sehr schön.

Kevin
2010-10-27 22:29:26 Uhr
Ich habe es meist als sehr düsteres Album wahrgenommen, nicht ohne die Fünkchen Hoffnung zu hören, die immer wieder durchkommen. Vom Tenor her hat es mich sehr an die letzte Platte von The National erinnert, auch wenn die Bands sonst wenig gemein haben.
DasSeinUndDasNichts
2010-10-27 22:15:40 Uhr
Schade u. so wichtig ist sind die Punkte ja auch wieder nicht ;-)
Ist aber lustig, weil so traurig u. deprimierend empfinde ich das Album gar nicht. Ich höre da viel mehr so eine trotzige Wut, ein dagegen ankämpfen, dass nah am Scheitern ist..., und das ganze mit der Resignation, dass es wohl sinnlos sein wird, aber man es trotzdem tut, weil richtig u. die einzige Möglichkeit ist. Fraglich ob das nun mehr über mich u. Psyche sagt, oder ob man das Album ganz einfach sehr unterschiedlich hören kann...
(Was eigentlich ein Qualitätsmerkmal für ein Album ist.)
Aber kommt wohl auch immer auf die Stimmung an, denn die "High Violet", die auch unglaublich schätze, kann ich auch in fast jeder Stimmung hören u. von todtraurig bis "fröhlich" wahrnehmen.
Kevin
2010-10-27 21:56:39 Uhr
Erstmal danke für das Lob!

Das Album ist eine 7,49, das sollte ich vielleicht dazu sagen. War lange am hadern, aber ich denke, die Bewertung ist trotzdem fair. Kann es jedem empfehlen, der gerne leidet, es ist ein ziemlich schöner Trauerkloß.
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