Marnie Stern - Marnie Stern

Marnie Stern- Marnie Stern

Kill Rock Stars / Souterrain Transmissions / Rough Trade
VÖ: 15.10.2010

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Speedybee speedybo

Sollten sich Marnie Stern und ihr langjähriger Schlagzeuger Zach Hill auch nur ansatzweise so benehmen, wie sie musizieren, wären sie wohl äußerst anstrengende Zeitgenossen. Stets die Ersten und die Letzten auf jeder Party. Nach spätestens zwei Minuten röhren Fernseher, Youtube-Stream, drei Stereoanlagen, fünf Radio-Programme, sämtliche batteriebetriebene Spielzeuge und sie selbst natürlich in formvollendeter Kakophonie. Und zwar so lange, bis der Gastgeber höchstselbst vollkommen entkräftet die Notrufnummer wählt und seine Festivität zur Anzeige bringt. Um endlich mal Ruhe zu haben. Für die nächsten 16 Jahre.

In der Tat machten die Vorgängeralben einen derartigen Alarm, dass sie von ganzen SEKs aus dem Gehörgang getragen werden mussten. Für "Marnie Stern", Album Nummer drei, stehen die Vorzeichen nun erneut nicht eben auf Grundentspannung. Denn Hill hat unter anderem seine seit "Astrological straits" wie extrem laute Platzpatronen herausschießende Snare mit zur Aufnahme gebracht. Doch, höre da: (Auch) sie macht das ganze Getümmel von "Marnie Stern" zugleich klarer, schneidender - und barmherziger.

Zudem passiert in den Arrangements so einiges, das den neuen Klang befeuert und kongenial abstützt. Die melancholischen Grundstimmungen, die früher bestenfalls kurz vor der Zertrümmerung gehalten wurden, werden nun freudvoller ausgeführt. Stern nähert sich mit großen Schritten ihrer sehr eigenen Version von Indiepop. Singt nicht mehr derart fordernd ihre Tappings sponsored by AC/DC (Radio), Don Caballero (Youtube) und Van Halen (Stereoanlage) mit. Und präsentiert auch diese selbst nicht mehr als Zerstörungsprogramm, sondern als periodische Auflockerungen, die dennoch ihre leicht angeschrammte Wucht behalten.

Von der Zerstörung zur Verwundung bzw. Verwunderung: Dies könnte auch als Programm über "Marnie Stern" stehen. So steigt das Album sogleich mit vollem Riffing ins Geschehen ein und überführt seinen ersten Refrain in ein hymnisches Vokal-Gebet. Hier fliegen Hills stolpernde Schlagzeugfiguren nicht mehr wie ein Rudel Frettchen auf Speed ihre Chaos-Geometrie, sondern werden als Abrundung der höhenlastigen Riffs selbst eingesetzt. Zusammen mit Sterns verhallten Pocahontas-Gesängen ergibt das einen eindeutigen Hit, der jedoch mit Mitteln gespielt wird, die überraschen. Gleich "Nothing left" stellt jedoch klar, dass das nicht etwa als Ausrutscher gedacht war.

Vielmehr teilt Stern hier, wie auch auf "Gimme", durchaus einen schnappatmenden Atemzug mit Hot Club De Paris - ersetzt allerdings all das britpoppende Kalauern durch uramerikanische Wut. Man sieht, welch grundverschiedene Ansichten von Punk nach wie vor zwischen den Kontinenten zirkulieren. Deshalb waren etwa die Riot Grrrls vorrangig eine amerikanische Angelegenheit. "Marnie Stern" exekutiert nun auch dieses Genre wesentlich offensiver. Dennoch verweisen Songs wie "Nothing left", "Risky biz" und "Building a body" noch eindeutig darauf, dass Riot Grrrl keinesfalls - wie oft dargestellt - lediglich eine interessante Haltung war, sondern etwa in Form von Sleater-Kinney oder Team Dresch einige der besten Punkbands der letzten 15 Jahre hervorgebracht hat.

Doch damit nicht genug: Auch die neue Nähe von Sterns Stimme zur frühen Courtney Love darf als Verbeugung und ureigener Ansatz zugleich angesehen werden. Stern singt wie diese mit einem gehörigen Selbstbewusstsein. Und streift mit "Building a body" gar wesentlich souveräner als jene die Kondensstreifen der großen Siouxsie Sioux. Auf diese Weise behält Stern ihre ungemeine Wuseligkeit bei, arbeitet sie aber durchgängig in echte Hymnen um. Zieht ein vollkommen gegenwärtiges Halligalli auf und arrangiert daraus doch beinahe 30 Jahre Underground zu einem einzigen exorbitanten Festakt. Sie erweckt niemals den Eindruck, als habe sie ihr eigenes oder gar Hills ADHS an die Kandare gelegt, bringt aber trotzdem ein waschechtes Popalbum an den Start, das sich in voller Länge mitschunkeln, mitnicken und mitstampfen lässt. Mit Stern und Hill lassen sich nicht nur prima die Nächte durchfeiern. Vielmehr ist "Marnie Stern" selbst Gegenstand des Geschehens.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • For Ash
  • Nothing left
  • Gimme
  • Her confidence
  • The things you notice

Tracklist

  1. For Ash
  2. Nothing left
  3. Transparency is the new mistery
  4. Risky biz
  5. Female guitar players are the new black
  6. Gimme
  7. Cinco de Mayo
  8. Building a body
  9. Her confidence
  10. The things you notice

Gesamtspielzeit: 34:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
haha
2011-03-03 03:38:33 Uhr
hihihihihi, der schlimme...
wtf
2011-03-03 00:00:40 Uhr
@-_-@
shomo
2011-03-02 23:58:44 Uhr
haha, ihr hacker

aber der hacker hat recht
basddsa
2011-03-02 22:50:54 Uhr
Wow, wirklich ein unglaubliches Album. Macht mit jedem Hören mehr Spaß. Die Fever to tell höre ich da allerdings nicht raus. Kann kaum den nächsten Durchgang erwarten.

People. Get ready. For feeling. Understand me. I know.
1. Referenz
2011-01-31 07:51:45 Uhr
Yeah Yeah Yeahs (erstes Album)

Hört das keiner?
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