Agnes Obel - Philharmonics

Agnes Obel- Philharmonics

PIAS / Rough Trade
VÖ: 17.09.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Joannas Garten

Der geneigte Rockhörer mag mit dem Namen Agnes Obel vielleicht nicht viel anzufangen wissen. Doch dürften ein paar Textzeilen genügen, um ein ahnungsvolles Nicken zu ernten: "Black turns beamy bright / Turning on the light / Today is gonna be the day / You hear somebody say / We need you wide awake." Jeder, der in den letzten eineinhalb Jahren ab und an ferngesehen hat und in den Reklamepausen nicht den Sender wechselte, wird sich an "Just so", Werbesong für ein umsatzstarkes Telekommunikationsunternehmen, erinnern können. Doch dieses Stück lenkt bisweilen auf die falsche Fährte: So geradlinig und oberflächlich ist keines der weiteren elf Lieder auf Agnes Obels Platte "Philharmonics". Vielmehr wandelt sie zwischen Moosen und Farnen, sammelt Pilze und bewundert die nachtaktiven Eulen ihrer stoischen Selbstbeherrschung wegen.

Agnes Obel ist eine gebürtige Dänin, die mittlerweile in Berlin lebt und musiziert. Ihre Songs wandeln auf den Spuren klassischer, weiblicher Singer/Songwriter, sind stets behutsam und weisen ein zartes Fingerspitzengefühl auf, jedoch nicht ohne auch eine verruchte, unheimliche Ader zu offenbaren. Diese geheimnisvolle Ambivalenz wohnt bereits im Album-Cover: Mit durchdringendem Blick scheint Obel den Betrachter - ohne einen einzigen Ton gesungen zu haben - beschwören zu wollen. Spätestens beim Spieluhren-Intro "Falling, catching" wird klar, dass diese LP von einer Kunstfertigkeit gesegnet ist, die an Feist oder das schweizer Wundermädchen Sophie Hunger erinnert. Das piano-getränkte "Riverside" ist eines dieser gespenstischen Lieder, das den Hörer mit in grüne, unergründliche Landschaften entführt. Das anschließende, hinreißend verträumte "Brother sparrow" ist ein sehnsüchtiges Liebeslied: "Picture fresh as water clear / Days have passed without you here". Ein wahrhaftig ergreifender Psalm.

"Beast" hat sich Obel in einer dunklen, windstillen Nacht von einem Baum aus dem Garten Joanna Newsoms geklaut. Obel verkleidet jedes einzelne Kleinod mit klassischer Instrumentierung: reduziert, verspielt, mit lachendem und weinendem Rehauge. Die Dänin ist nicht nur eine jetzt schon erstklassige Liedschreiberin, mit "Close watch" legt sie ein weiteres Talent offen, denn das Cover des John-Cale-Klassikers aus dem Jahr 1975 besticht durch einen ureigenen Charme und bestätigt nur das, was man längst vermuten durfte: Agnes Obel ist die neueste Fee im popmusikalischen Dickicht. Der letzte Song der Platte, "On powdered ground", trägt in der einen Hand eine Kerze, während die andere mit einem Schlüsselbund jongliert: Diese Musik öffnet Herzen auf die simpelste Weise. Das merkten auch die Werbefachmänner relativ früh, indem sie "Just so" als Reklame-Hit auserkoren haben. Gleichwohl: Es ist der schwächste Song auf diesem entzückenden Album.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Riverside
  • Brother sparrow
  • Beast
  • On powdered ground

Tracklist

  1. Falling, catching
  2. Riverside
  3. Brother sparrow
  4. Just so
  5. Beast
  6. Louretta
  7. Avenue
  8. Philharmonics
  9. Close watch
  10. Wallflower
  11. Over the hill
  12. On powdered ground

Gesamtspielzeit: 39:56 min.

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