Jerry Lee Lewis - Mean old man

Jerry Lee Lewis- Mean old man

Verve / Universal
VÖ: 24.09.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Unübersichtlichkeit des Seins

Es war einmal eine Welt vor der Plattentests.de-Zeit, in der noch alles recht fein säuberlich und übersichtlich arrangiert war. Die sexuelle Revolution stand noch bevor, die 68er haben noch lange nicht geschaltet und gewaltet, und Nieten hatten nichts mit Verlierern zu tun. Zumindest in Europa. In den USA bekamen mit "On the road" von Jack Kerouac dann endlich auch die Außenseiter ihre Stimme. Man schrieb das Jahr 1957. Die Beat Generation tobte, man fuhr mit geliehenen Wagen durch die Staaten oder auf den Eisblöcken über dem zu transportierenden Salat. Letzteres kann aber auch Legende sein. Keine Legende ist, dass Jerry Lee Lewis Ende der 1950er Jahre seine ersten Alben veröffentlichte und mit "Great balls of fire" die britischen Singlecharts anführte. Ebenso ist es kein Witz, dass Lewis zu dieser Zeit seine 13-jährige Cousine geheiratet hatte. Es stimmt: Mit Lewis' Biografie und Diskografie könnte und konnte man Bücher füllen.

Oder aber sie so zusammenfassen: Ein paar Ehen, Alkoholexzesse, Platten und Schlägereien später meldet sich der nunmehr 75-jährige eindrucksvoll zurück. Codename: Killer. Biografie/Diskografie: Tun nichts zur Sache bis unübersichtlich. Ob Lewis vom Internet Kenntnis genommen hat, braucht ebenfalls nicht geklärt zu werden. Denn für die Gästeliste seines neuen Werkes "Mean old man" benötigt er das Internet nicht, da genügen die uralten Erinnerungen. Ronnie Wood, Mick Jagger, Willie Nelson, Robbie Robertson - da hat der gemeine alte Herr sein mit Brandlöchern versehenes Notizalbum ausgepackt und nicht sonderlich lange überlegen müssen, wer sich auf diesem Album zu ihm gesellen darf. B einahe wäre in diesem Sammelsurium an alternden Größen Kid Rock unter den Tisch gefallen, dessen letztes Album "Rock n roll Jesus" eher "heilige Scheiße" als eine Offenbarung war.

"Mean old man" ist weder das eine noch das andere. Es ist ein sehr gutes Album, das eine Reise zurück zu den Wurzeln wagt und damit einen ähnlichen Weg einschlägt wie Johnny Cash mit seinen "American recordings". Lewis bedient sich zumeist klassischer amerikanischer Songs, wie der Titeltrack oder das allseits bekannte und beliebte "Roll over Beethoven" von Chuck Berry beweisen. Dazu gesellen sich etwa das großartige "Dead flowers" von den Rolling Stones, das von Mick Jagger inbrünstig zelebriert wird, und das beschwingte Creedence-Clearwater-Revival-Stück "Bad moon rising", hier vorgetragen mit John Fogerty. Lewis weiß dabei häufig nicht ganz genau, wohin er mit diesem Werk driften will. Doch Rock'n'Roll, Blues und Country stehen bravourös nebeneinander. Eklektizismus auf hohem Niveau.

Über den gesamten 18 Songs schwebt eine melancholische Grundstimmung, die im Grunde von Lewis' Stimme getragen wird. Gerade wenn er ohne Begleitung auskommt, wie in "Sunday coming down" und "Miss the Mississippi and you", fällt auf, dass er Mitstreiter nicht nötig hat. Stimme und Piano sprechen für sich. Und selbstredend ist die Gitarre jederzeit fest umgriffen. Jetzt bleibt nur eine Frage offen, nämlich, wer hier eigentlich Legende ist? Die Songs? Die Stimme? Das Piano? Die Gitarre? Die Antwort: im besten Sinne offen. Denn in der Nostalgie eines Jerry Lee Lewis fügt sich das eine nahtlos ins andere.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • Mean old man
  • Dead flowers
  • Railroad to heaven
  • Miss the Mississippi and you

Tracklist

  1. Mean old man
  2. You can have her
  3. Dead flowers
  4. Middle age crazy
  5. Rockin' my life away
  6. You are my sunshine
  7. Swinging doors
  8. Hold you in my heart
  9. I really don't want to know
  10. Railroad to heaven
  11. Sweet Virginia
  12. Roll over Beethoven
  13. Bad moon rising
  14. Please release me
  15. Whiskey river
  16. Sunday morning coming down
  17. Will the circle be unbroken
  18. Miss the Mississippi and you

Gesamtspielzeit: 59:59 min.