Autechre - Move of ten

Autechre- Move of ten

Warp / Rough Trade
VÖ: 09.07.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Übern Berg

Es gibt Alben, die bleiben beim ersten Hören im Ohr, werden rauf und runter genudelt und landen nach nur einem halben Jahr in einer Regalregion, die in etwa so zugänglich ist wie ein Grönlandgletscher. Und es gibt Alben, die sich monatelang vor einem auftürmen wie die Eiger Nordwand, nach erfolgreicher Besteigung aber den schönsten Panoramablick freigeben. Die intellektuelle Beatkunst auf Autechre-Platten gehört selbstredend in die zweite Kategorie. Immerhin besann sich das letzte Album "Oversteps" nach Jahren radikaler Abstraktion und autistischer Klangexperimente wieder auf die alten Tage und entdeckte den Wert von Melodien wieder. Natürlich bot es für Otto Normalverbraucher trotzdem noch genügend Herausforderungen - auch ohne zufallsprogrammierte Drumcomputer. Und kaum ist "Oversteps" abgearbeitet, schlagen Autechre mit dem etwas voluminöseren und wuchtigeren "Move of ten" insgesamt wieder in die gleiche neue alte Kerbe.

Am Eingang wartet freilich mit "Etchogon-S" wieder eines dieser bestaunenswerten spastischen Beatmonster, die hin- und herzucken wie ein asiatischer Kampfroboter mit Kurzschluss. Aber selbst dieser Messer wetzende Braindance entwickelt einen unwiderstehlichen Kopfnickergroove, der wie eine Neuinterpretation von Photeks kongenialen Drummustern wirkt. Zum Ausgleich pluckert "y7" mit tiefer gelegter Bassdrum ähnlich kerzengerade vor sich hin wie später "M62", das seine geschwindigkeitsgesättigten Autobahnbeats mit nervösen Synthesizermodulationen garniert. Fortbewegungsmittel waren auch für "pce freeze 2.8i" offensichtlich Thema der Wahl: Durch das monotone Stampfen einer monströs-bauchigen Bassdrum dringt hier neben allerhand unheimlichen, irrlichternden Geräuschen auch das heulende Signal einer Eisenbahn.

Nach dem Techfunker "rew1" offenbart dann besonders "nth Dafuseder.b" Autechres Genialität und versetzt eine asiatisch anmutende Flöte wie selbstverständlich in ihren völlig eigen klingenden Kosmos. In diesem Fall in eine sich immer mehr verdichtende, geisterhafte Nebelwand, aus der die Melodie herüberweht, während die Beats beinahe beiläufig nebenher laufen. Nach den ambienten "Iris was a pupil", "No border" und dem etwas zu daddeligen "ylm0" fordern Sean Booth und Rob Brown mit "Cep puiqMX" zum Abschluss ihre Hörer noch einmal heraus. Majestätisch legen sich disharmonische, von der Apokalypse kündende Synthesizer über Beats, die kreuz und quer übereinandersprudeln wie Lava bei einem Vulkanausbruch.

Die Melodien und Stimmungen sind also zurück nach vielen Jahren, in denen Fans der ersten Stunde allmählich die Hoffnung fahren ließen, dass Autechre noch einmal eine Platte aufnehmen würden, die man auch ohne Mathematikstudium oder Professur für Chaosforschung genießen kann. Jetzt liegen gleich zwei davon auf dem Tisch, und so langsam stellt sich die Frage, ob damit allmählich das reife und beruhigte Alterswerk beginnt. Mit romantischer Poesie statt Algorithmusakrobatik.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Etchogon-S
  • pce freeze 2.8i
  • nth Dafuseder.b
  • Cep puiqMX

Tracklist

  1. Etchogon-S
  2. y7
  3. pce freeze 2.8i
  4. rew(1)
  5. nth Dafuseder.b
  6. Iris was a pupil
  7. No border
  8. M62
  9. ylm0
  10. Cep puiqMX

Gesamtspielzeit: 47:46 min.

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