Antony & The Johnsons - Swanlights

Antony & The Johnsons- Swanlights

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 08.10.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ein Naturwunder

Sokrates hätte Antony Hegarty gemocht. Er hätte "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" in seinen opulenten Bart gemurmelt und sich dieser Musik hingegeben, der mit rationalen Gedanken einfach nicht beizukommen ist. Auch Charles Darwin wäre von Antony fasziniert gewesen. Nicht, weil Hegarty eine gewisse Herausforderung für die Evolutionstheorie darstellt, sondern weil diese personifizierte Laune der Natur eigentlich jede neugierige Seele berühren muss. Das Spannendste an Antony ist vielleicht sogar die Tatsache, dass man ihn besser mit Begriffen aus der freien Natur als mit menschlichen beschreiben kann; mit Worten wie "Metamorphose" oder "Mimikry". Manchmal auch "Erosion", "Eruption" oder gar: "Bestäubung".

Überraschend ist es also nicht, wenn Antony nun seine vierte Platte "Swanlights" als eine Art Konzeptalbum zur Auseinandersetzung mit der Natur verstanden wissen möchte. In einem seiner seltenen Interviews verriet er, dass die Musik dieser elf Stücke auch deswegen reichhaltiger ausstaffiert sei als noch auf "The crying light", weil er Geräusche der Natur imitieren wollte: das Rascheln im Wald, Froschquaken, Meeresrauschen. Interessant dabei ist, dass "The crying light" und "Swanlights" zeitgleich entstanden sind, aber von Antony als streng getrennte Projekte betrachtet wurden. Atemberaubend illuminiert sind beide - allerdings dauert es länger, bis man sich von seinem neuesten Werk wenigstens ansatzweise erleuchtet fühlt. Oder einsieht, dass es manchmal schöner ist, im Dunkeln zu tappen.

"Swanlights" beginnt so abrupt wie ein Gewitter in den Bergen, wenn auch um ein vielfaches leiser. Antony verkündet, von glasklarem Klavier und geheimnisvoller Harfe umspült, "Everything is new" und lässt dieser Erkenntnis viereinhalb Minuten Zeit, ihren Lebensraum zu erkunden. Währenddessen wiegt Antony sich im Wind, wird von Streichern umschwärmt, verbündet sich mit dem Herzschlag der Percussion. Dass er der Flüchtigkeit des Moments und der daraus resultierenden ständigen Erneuerung der Gegenwart ein repetitives Arrangement in Musik und Text entgegensetzt, ist durchaus ein genialer Schachzug. Kann allerdings auch missverstanden oder gar zur Nervenprobe werden. Denn das Wiederholen und Umspielen von Motiven zieht sich durch "Swanlights" wie Wildspuren durch den Schnee. Meditierst Du noch oder resignierst Du schon?

Antony & The Johnsons haben ihren Zuhörern schon immer etwas abverlangt. Aber wer erst einmal hinter diese außergewöhnlichen Stücke gekommen ist, wurde jedes Mal reich belohnt - und da macht "Swanlights" keine Ausnahme. Über allem thront einmal mehr Antonys Stimme, von der man immer noch nicht genau sagen kann, wo sie eigentlich herkommt. Von dieser Welt ist sie jedenfalls nicht. Aber sie berührt tief; nistet sich an Orten ein, von deren Existenz das Bewusstsein bislang möglicherweise noch gar nichts wusste, und schickt den Hörer auf eine Art Expedition, zu sich selbst. Ein ähnliches Szenario kennt man von Björk-Alben, und nachdem Antony auf ihrem Werk "Volta" gastiert hatte, folgte sie nun seiner Einladung zu einem Duett namens "Flétta". Nur ein hingebungsvolles Piano und diese beiden Stimmen. Und wieder kommt einem ein Begriff aus der Natur in den Sinn: Symbiose.

Außerordentlich symbiotisch ist auch das Erscheinen des London Symphony Orchestras im dritten und besten Stück "Ghost". Wenn man mal von dem wunderbar fragilen "The spirit was gone" absieht, ist der Tonfall auf "Swanlights" weniger introspektiv und melancholisch als auf Antonys bisherigen Alben. "Thank you for your love" beispielsweise sprüht nur so vor Glück und Zutraulichkeit. Das thematisch verwandte "I'm in love" erweist sich als ähnlich euphorisch, eine Art Gospel mit exotischer Percussion und einem überschäumenden Antony, der davon singt, wie ihn eine rote Koralle streichelt. Im großartigen Orchesterwerk "Salt silver oxygen" sitzt er dann im Sattel eines fliegenden Pferdes. Über solche Geschichten wundert sich natürlich niemand mehr, wohl aber darüber, dass der Titeltrack "Swanlights" von den effektvollen Klängen einer verzerrten E-Gitarre untermalt wird. Verstehen muss man aber auch das nicht. Oder um es mit den Worten von Alexander von Humboldt zu sagen: Die Natur muss gefühlt werden.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Ghost
  • The spirit was gone
  • Thank you for your love
  • Salt silver oxygen

Tracklist

  1. Everything is new
  2. The great white ocean
  3. Ghost
  4. I'm in love
  5. Violetta
  6. Swanlights
  7. The spirit was gone
  8. Thank you for your love
  9. Flétta
  10. Salt silver oxygen
  11. Christina's farm

Gesamtspielzeit: 46:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Der Umblätterer
2014-12-21 18:35:08 Uhr
MIA SAN MIA, IHR LUTSCHER!
Hennry
2014-12-20 19:37:23 Uhr
Konnte die zuerst nicht kaufen, weil da Björk drauf ist - aber dann gab's ja zum Glück noch die Buchausgabe ohne die isländische Schräpe. Hat was, aber 'Crying Light' finde ich stärker.

0811Jan

Postings: 38

Registriert seit 13.06.2013

2014-01-19 21:56:08 Uhr
Für die Fans:
Es gibt ein Livealbum mit dem italienischen Musiker Franco Battiato und einem Orchester. Bunte Mischung aus Antony Songs, Covern und italienischen Songs.
http://www.youtube.com/watch?v=p6fq8hBzCeQ
stativision
2011-03-18 23:47:03 Uhr
da ich nach der crying light enttäuscht war, wollte ich mir swanlight erst gar nicht zulegen. gabs aber jetzt was billiger - und ich hab den kauf nicht bereut, kommt fast an die klasse der ersten beiden alben heran. intensiv. kann aber auch verstehen, dass leute von den repetitiven elementen genervt sind - ich finde gerade die aber gut.
Kuma
2011-01-26 18:08:47 Uhr
Das war ein grosser Fehler, gerade Ghost und Swanlights verdienen es gehört und geliebt zu werden.
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