Clinic - Bubblegum

Clinic- Bubblegum

Domino / GoodToGo
VÖ: 01.10.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Plombenzieher

Soso: "Bubblegum". Sollte man die Musik von Clinic tatsächlich mit einem Begriff aus der Lebensmittelbranche umschreiben können: Dieser ist es nicht. Schon eher passend: Schuhsohle, kaum kaubar. Fliegenpilzrahmsuppe. Oder höchstens Nicorette Spicemint. Es ist nämlich jedes Mal dasselbe. Ade Blackburn und Kollegen können noch so verführerisch mit lieblichen Harmonien, becircenden Weichstichmelodien, sanft tuckernden Orgeln und immer ein wenig unter der Bettdecke hervorlugendem Gesang wedeln - wenig später hat man doch einen akustischen Plombenzieher intus und weiß nicht recht, wie man ihn wieder loswerden soll. Und eigentlich will man auch gar nicht. Schließlich gibt es auch auf dem sechsten Clinic-Album psychedelischen Prasselkuchen und Krautsalat. Da vergisst man sogar kurz die jedem Plattentests.de-Schreiber beizeiten eingetrichterte Direktive, doch bitte tunlichst auf Metaphorik aus dem Bereich Nahrungsaufnahme zu verzichten. Kann ja mal vorkommen.

"I'm aware", flötet Blackburn dann auch direkt zu Anfang, guckt dabei ganz schuldbewusst - und dreht einem durch die Hintertür trotzdem einen köstlichen Tränenzieher-Ohrwurm rein, der sich in Zeitlupe entblättert und erst im zweiten Teil weich auf schluchzendes Streicherarrangement und leidlich straighte Drumspur fällt. Auch das Titelstück hat es alles andere als eilig und drückt sich samt "She's lost control"-Geklacker im Hintergrund an mutierenden Fuzzgitarren vorbei. "Baby" zupft ein gespenstisches Mantra, das jedem David-Lynch-Soundtrack Ehre machen würde, wird mehrmals von einem in Watte gepackten Break ausgebremst und will am Ende doch nur ein gekipptes Liebeslied sein. Erst "Lion tamer" macht mit rumpelnden Backbeat etwas mehr Radau, scheucht rollenden Basslauf und zwirbelnde Riffs vor sich her und wirft zwischendurch kleine Xylophon-Spitzen ein.

Wohldosierter Tumult auf engstem Raum, der von Zeit zu Zeit immer wieder aufbricht, bevor man auf den Gedanken kommen kann, es handele sich hier um leichte Kost. Oder gar um Popmusik. Vielmehr speist sich auch "Bubblegum" aus Versatzstücken von britischem Folk der Bauart Fairport Convention und den quiekenden Wah-Wah-Effekten des Neo-Krautrock, schießt sie in den Orbit und feuert noch eigenartig swingenden Calypso, vorsintflutliche Rhythmusmaschinen und qualmende Orgeln hinterher. Und findet dabei sogar Zeit für den Space-Walzer "Un astronauta en cielo" oder das bizarre Hörbild "Radiostory", in dem sich ein Paar mit eindeutigen Absichten in einem Hotelzimmer trifft - es sich aber nicht nehmen lässt, zunächst die Nationalhymne zu rezitieren. Selbst ein Produzent wie John Congleton von The Paper Chase kann vor dieser essigsauren, aber delikaten Songsammlung zuweilen nur kapitulieren. "Bubblegum" geht durch den Magen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • I'm aware
  • Baby
  • Lion tamer
  • Forever (Demis' blues)

Tracklist

  1. I'm aware
  2. Bubblegum
  3. Baby
  4. Lion tamer
  5. Linda
  6. Milk and honey
  7. Radiostory
  8. Forever (Demis' blues)
  9. Another way of giving
  10. Evelyn
  11. Un astronauta en cielo
  12. Freemason waltz
  13. Orangutan

Gesamtspielzeit: 41:22 min.

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