Linkin Park - A thousand suns

Linkin Park- A thousand suns

Warner
VÖ: 10.09.2010

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Auf Sendung

Das ist doch mal eine Ansage! Linkin Park stellen klar, dass die Rücksicht auf liebgewonnene Gesten und alte Fans kein ansprechender Ansatz ist für ihr unerhört innovatives Musikverständnis. Also Mutige voran. Genies an die Front. Na, schauen wir mal. Und stellen fest: Was auf "A thousand suns" ausschlägt, ist wie immer die Krux planloser Neuorientierung als Ultima Ratio. Aus dem löblichen Anspruch erwächst hopplahopp eine gehörige Portion Größenwahn und Selbstüberschätzung. Sprich: Gerappt (oder wie sie das nennen) haben Linkin Park ja schon früher. Deshalb schappatmen sie sich für "Waiting for the end" nun auch ungeniert durch Ragga-Phrasierungen - gänzlich ungeachtet der Frage, ob sie das stemmen können. Oder leider eher nicht. Entsprechend kontert "When they come for me" Public-Enemy-Raps (Rick Rubin an den Reglern muss sich ja irgendwie bemerkbar machen) mit Banghra-Gesängen und anheizenden "Heyhey"s. Asian Dub Foundation, anybody? Uncle Kracker? Oder doch eher Panjabi MC? Offene Messer haben diese Band jedenfalls noch nie so sehr interessiert wie offene Türen.

Dabei gäbe es genug Baustellen, die - einmal in Innovationslaune - dringend renovierungsbedürftig wären. All die Textverbrechen etwa, bei denen erneut die Songtitel hinreichen, um abzusehen, dass auch sonst nicht mehr dabei herauskommt. Die Musik als Verpackung, die Texte als Inhalt, schon klar: Raider heißt jetzt Nix. Und lärmende Gitarren? Statt hier mal bis in die Songharmonien und -rhythmen hinein zu arrangieren, finden sie auf "A thousand suns" schlicht nicht mehr statt. Feige, aber nun gut: Letztlich war es schon immer egal, welche Icons Linkin Park zum Andicken ihrer emotionalen Abrissbirnen nutzten, ging es doch stets nur um die entsprechenden Frequenzen. Allerdings ist die aseptische Industrial-Klatsche, die jetzt die Lücken füllen soll, an sich bereits ein ziemlich ausgelutschtes Emoticon.

Bei "Wretches and kings" kommt dann nur noch ein Korn-Psycho-Rock-Klon heraus. Ohne Gitarren halt, aber solch ein Refrain wurde selbst von Jonathan Davis des öfteren mit wesentlich mehr Schmackes intoniert. Zudem schütteln Linkin Park hier mit Mario Savios gleich nach "Irgendwas von Martin Luther King" wohl meistgesampelter Rede "Bodies upon the gears" das Ommablatt der Credibility zackig aus dem Hand(un)gelenk. Behaupten kackedreist, von der popmusikalischen Karriere dieser Worte nie etwas gehört zu haben und triggern mit ihnen gleich zum Intro ihr Sendungsbewusstsein. Und da der Hörer aufgrund von akuter Ereignislosigkeit zum Ende des Songs längst abgeschaltet hat, triggern sie es halt gleich noch einmal. Wie viel Populismus in eigener Sache verträgt freie Rede noch gleich?

Jedenfalls nicht so viel. Da scratcht es bei "Blackout" und "The catalyst" derart altbacken spooky vor sich hin, dass man all die guten Momente, die "A thousand suns" trotz allem zu bieten hat, kaum glauben mag. Bei besagtem "The catalyst" etwa macht es schon Laune, der Songkurve über Scooter-Techno-Synthies bis zum mehrstimmig abgefeierten Finale in Pathos-Rock hinterherzuhören. Ähnliche Spannung haben die erfreulich offensiv in Elektro-Radio-Pop versinkenden "Burning in the skies" und "Robot boy" zu bieten. Und da es sich auch unter tausend Sonnen mit einer melancholischen, seicht rockenden Ballade - sagen wir - einträglicher leben lässt, machen Linkin Park auf "Iridescent" zu Klavier, leichtem Midtempo sowie hymnischen Gitarren und Shanty-Chorgesängen weder Mätzchen noch irgendetwas falsch. Wie das zu all dem großspurig verlautbarten Konzept noch einmal genau zu passen hat, ist hier ausnahmsweise ebenso egal, wie bei dem nach so viel Maschinen-Uijuijui als Klischee noch fehlenden, akustischen - und sehr schönen - Abschluss-Bonbon "The messenger", das Chester Benningtons Organ kongenial in Grund und Boden sägt.

Somit ist das einzige, was Linkin Park auf "A thousand suns" gerettet haben, ihr seltsam mechanistisches Popverständnis. Und genau das hat ihnen schon den Arsch gerettet, als sie noch ganz auf harte Jungs in verchromten Micky-Maus-Socken gemacht haben. In all seiner vorgeblichen Innovationswut vergisst "A thousand suns" jedoch, sich selbst Steine in den Weg zu legen. Was Linkin Park dafür halten, sind lediglich schlichte bis staksige Adaptionen bereits tief im Pop verwurzelter Gesten. Weshalb "A thousand suns" zumindest das eine klarstellt: Es ist keinesfalls immer so, dass der Innovationswilligste automatisch der Mutigste ist. Jeder, der nach zig Alben in ein und demselben Stil immer noch den Kick, die Herausforderung oder auch schlicht die Nostalgie sucht, tönt mutiger als dieses halbgare Aus-der-Affäre-Ziehen gepaart mit gnadenloser Selbstüberschätzung. Doch auch das wird Linkin Park eher weniger interessieren. Denn die denken eh, ein Genie ist selten verkannt - sondern stets derjenige, der sich selbst am meisten dafür hält.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Iridescent
  • The catalyst
  • The messenger

Tracklist

  1. The requiem
  2. The radiance
  3. Burning in the skies
  4. Empty spaces
  5. When they come for me
  6. Robot boy
  7. Jornada del Muerto
  8. Waiting for the end
  9. Blackout
  10. Wretches and kings
  11. Wisdom, justice, and love
  12. Iridescent
  13. Fallout
  14. The catalyst
  15. The messenger

Gesamtspielzeit: 47:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Bimbo
2011-04-22 17:40:32 Uhr
Höchstens eine 2/10. Schwächstes Album was ich 2010 gehört habe. Sogar schlechter als ********** - ********* ** *****
Bibo
2011-04-22 17:04:21 Uhr
Burning In The Skies ist ja wohl mal übelster Radio-Schrott. Hab die erst gar net erkannt und war echt überrascht auf welchem Niveau diese Band inzwischen angekommen ist.
Joshua
2011-03-11 22:16:37 Uhr
Ich habe was gefunden, was mich schon ein wenig überrascht hat aber zugleich auch freut.

http://indiealternativerock.blogspot.com/

"Waiting For The End" liegt hier auf Platz 1. Wenn man weiter nach unten scrollt, findet man auch einen kleinen Bericht über sie.

Hier scheinen Linkin Park mit ihrem aktuellen Album "A Thousand Suns" ja voll ins schwarze getroffen zu haben - werden richtig gelobt dafür.
Joshua
2011-01-05 01:51:15 Uhr
Gut, diese Aussage hätte ich mir vielleicht sparen können. Ich war einfach schon ein wenig überrascht, das viele auch zu den neuen Songs gesungen haben. Es mag ja Leute geben, die das neue Album schlecht finden und trotzdem hingehen, eben wegen den alten Songs und vielleicht miese Stimmung verbreitet und die neuen Songs ausgebuht hätten, aber dem war überhaupt nicht so. Deswegen hielt ich diese Aussage für angebracht & angemessen.

Allerdings glaube ich kaum, das bei einem Konzert buchstäblich (und ausnahmslos) alle mitsingen.
Phallumegaly
2011-01-02 04:37:48 Uhr
"fast alle haben mitgesungen"

ja gut! Ist für ein Konzert eher unüblich, wenn nicht ALLE mitsingen oder ?!
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