Dover - I was dead for 7 weeks in the city of angels

Dover- I was dead for 7 weeks in the city of angels

Chrysalis / EMI
VÖ: 26.11.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hochseilakt

Der dünne Draht ist zwischen den Pfosten Punkrock und Zuckerpop gespannt. Gähnende Leere tut sich unter diesem Seil auf: der Abgrund musikalischer Belanglosigkeit. Eine weitere Band tritt selbstbewußt auf den wackeligen Grund, von dem schon so viele Glücklose abgestürzt sind. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich die Akrobaten auf dem dünnen Etwas, tänzeln leichtfüßig vor und zurück. Die Zuschauermenge hält den Atem an, wenn die Artistengruppe kräftig am Seil vorbeitritt, und man beginnt zu jubeln, als man schließlich ihr schelmisches Grinsen zu sehen bekommt. War alles nur Spaß.

Die Seiltänzer heißen Dover, und deren Gleichgewichtsorgan sitzt in der Kehle von Sängerin Christina Llanos, die mit ihrer Stimme der Band eine ungeheure Eigenständigkeit verleiht. "Zuckersüß" oder auch einfach nur "schön"sind die falschen Worte, wenn man dieses Organ beschreiben möchte. "Unwiderstehlich" hingegen trifft es exakt auf den Punkt. Die eben noch liebliche Gesangslinie wird urplötzlich von derben Gitarren unterstützt und entwickelt eine Art fröhlicher Aggressivität.

Mit "I was dead for seven weeks in the city of angels" legen die Spanier schon zum dritten Mal ein Album vor, das außer Rotzigkeit, Schnelligkeit und zwingenden Melodien vor allem eines transportiert: Unbekümmertheit. Die Selbstverständlichkeit, mit der bei Dover schneidendes Riffing und Kinderliedermelodien überkreuzt werden, ist an erfrischender Naivität kaum zu überbieten. Und genau hiervon geht der ganz spezielle Charme der Spanier aus. So manches Break auf "I was dead for seven weeks in the city of angels" ist derart vorhersehbar, daß man einfach nicht glauben mag, daß es dann tatsächlich auch genau so gespielt wird. Aber auch Melodien, die dem Hörer von "Devil came to me" oder "Late at night" schon unterschwellig bekannt vorkommen, werden sofort verziehen. Bei Dover darf das so sein. Es muß sogar.

Die erste Single "King George" oder "My secret people" sind nicht mehr und nicht weniger als mitreißend fröhliche Songs jenseits des platten Fun-Punk-Frohsinns. Ähnliches wird auch bei "Better day", "Surrender", "As I said" und "Love is a bitch" zelebriert: Schnelle Schrittfolgen, kurze Sprünge und immer wieder kleine Überraschungen zeigen unsere Artisten auf dem Seil. "The weak hour of the rooster" und "Big mistake" lassen etwas Zeit zum Luftholen, bevor die Seiltänzer bei "Lady Barbuda" und "Astroman" kleine Metallschnipsel in die Zuschauermenge werfen - nur ein paar, in denen die Sonne aber um so schöner funkelt.

Als sich die Sonne langsam auf den Weg nach unten macht, versucht ein "Death rocker" dort oben noch einige Sekunden lang seinem Namen alle Ehre zu machen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dabei zwinkert er aber so heftig mit den Augen, daß das Publikum mit der Band einfach mitgrinsen muß. Und so schauen Dover am Ende ganz unvermutet melancholisch in Richtung Sonnenuntergang. "Cold" treibt ebensolche Schauer den Rücken hinunter, dann verschwindet die Band. Das Seil zittert noch unter der Spannung des Auftrittes und die Menge bleibt mit stehenden Ovationen zurück. Under the bridge downtown they could not get enough.

(Rüdiger Hofmann)

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Highlights

  • The weak hour of the rooster
  • King George
  • Big mistake
  • Death rocker
  • Cold

Tracklist

  1. My secret people
  2. Better day
  3. The weak hour of the rooster
  4. Lady Barbuda
  5. King George
  6. Big mistake
  7. Recluser
  8. Astroman
  9. Surrender
  10. I hate everybody
  11. As I said
  12. Death rocker
  13. The last word
  14. Love is a bitch
  15. Cold

Gesamtspielzeit: 52:59 min.

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User Beitrag

eric

Postings: 2016

Registriert seit 14.06.2013

2018-11-26 15:10:25 Uhr
Ich sehe es qualitativ schon ein kleines Stück hinter "Bleed American", aber genau diese beiden Alben rotierten damals auch häufig bei mir. Krankenhausaufenthalt wegen einer Knie-OP machte intensives Hören möglich (ich glaube noch mit Discman! :D).

"King George" ist und bleibt mein Lieblingssong von Dover. "The weak hour of the rooster" auch sehr toll.

Autotomate

Postings: 962

Registriert seit 25.10.2014

2018-11-26 14:02:36 Uhr
Wohl eins meiner am häufigsten gehörten Alben... Wir hatten damals einen alten Golf mit Tapedeck und nur eine einzige Kassette im Auto: Auf der einen Seite "Bleed American", auf der anderen "I Was Dead for 7 Weeks in the City of Angels". Das JEW-Album ist großartig, aber nach 20 oder 30 Fahrten hatten wir uns irgendwie fast jedes Lied davon tendenziell "übergehört". Das Dover-Album aber... wurde mit jedem einzelnen Durchlauf einfach immer nur noch besser. So gut, dass es bis heute unter den 13 Alben steht, denen ich auf meinem RYM-Account mal irgendwann 5 Sterne gegeben habe.

Autotomate

Postings: 962

Registriert seit 25.10.2014

2018-11-26 12:39:46 Uhr
Vor 17 Jahren rezensiert

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