Mutter - Trinken singen schießen

Mutter- Trinken singen schießen

Die Eigene Gesellschaft
VÖ: 06.08.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Flickt das System

"Werde Mitglied - lerne schießen - treffe Freunde." Es soll tatsächlich Leute geben, die ob solcher Aufforderungen Schützenvereinen beitreten. Mutter würde so etwas natürlich nie passieren. Das Berliner Quintett stellt sich seit jeher an den Rand der Gesellschaft und spielt dort nervenaufreibende, grollend monotone Rockmusik, die in der Hauptstadt den größtmöglichen Widerpart zum Sympathentum von Wir Sind Helden oder der Ärzte-Spaßdiktatur darstellt. Sänger Max Müller kann rückblickend von Glück sagen, dass er Anfang der Achtziger Jahre die designierte Position als Leadsänger der Besten Band der Welt vergeigte, weil er nie zum Proben auftauchte - bei Songs über schwule Neonazis, Neurodermitis und Tuberkel wäre ohnehin Schluss mit lustig gewesen.

Stattdessen verlegten er und Mutter sich mit Alben wie "Du bist nicht mein Bruder", "Nazionali" oder zuletzt "Europa gegen Amerika" auf Noise-Rock, Feedback, No Wave und durchgängig giftige Statements. Und während sich der deutsche Indierock in den Neunzigern zusehends verfeinerte, wurden Mutter immer starrköpfiger und undurchdringlicher. Ganz so bunt treibt es die Band inzwischen natürlich nicht mehr. Der nachdrückliche Ingrimm, mit dem Müller seine Texte über Generationskonflikte, Zivilisationskrankheiten und inszeniertes Gutmenschentum deklamiert, lässt aber trotzdem keinen Zweifel: Spaß geht anders. Selbst die Liebesschwüre des brüchigen Beziehungsliedes "Eins" klingen hier eher nach finsterer Drohung als nach ewiger Jugend und Glückseligkeit. Die Musiker konterkarieren seine heiser herausgepressten Worte mit schwelendem Zeitlupentempo, an dem sich blecherne Drums, knorrige Bässe und knirschige Gitarrenarbeit aufreiben.

Doch auch die sanfteren Passagen sind auf "Trinken singen schießen" trügerisch. "Die Alten hassen die Jungen" leistet sich ein ausgesprochen opulentes Streicherarrangement und feiert mit dieser musikalischen Formvollendetheit beinahe die bittere Tatsache, dass die Menschen sich nie gegenseitig verstehen werden: "Die Alten hassen die Jungen, bis die Jungen die Alten sind." Und es ist bestenfalls ein windiger Versöhnungsversuch, dass dann ausgerechnet ein Kind den Refrain des erstaunlich locker lospolternden Rock-Boogies "Mach doch einfach" singen darf. Kurz darauf nehmen erneut entschleunigte und tiefstgestimmte Stahlsaiten ihr malmendes Tagewerk auf und stellen klar, dass der Gefühlshaushalt dieses Albums genauso unwägbar ist wie sein ständig kippendes Soundgewand.

"Erlösung von oben" schleppt sich in gedehntem Stoikertum ins Bewusstsein aller, die die Dinge lieber passieren lassen, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. "Der Zug" bezaubert mit akustischer Folkweise und zuckersüßem Singalong, erzählt aber von der Liebe als Wegwerfartikel, und "Wohltäter" treibt perfide Wortspiele mit Nächstenliebe und Hartz IV auf dem Flickenteppich des Systems, ehe "Trinken singen schießen" mit dem artverwandten "Wohlopfer" zu höhnendem Marschpolka-Rhythmus nach Hause stampft. Und so ist alles an dieser kratzbürstigen, aber großartig doppelbödigen Platte ein entgeistertes Ausrufezeichen, das der Hörer erst einmal mühsam hinunterschlucken muss, bevor er anfangen kann, übers Verdauen nachzudenken. Doch am Ende wird er feststellen müssen: Mutter hat immer Recht. Und ihr System kennt keine Grenzen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Eins
  • Die Alten hassen die Jungen
  • Mach doch einfach
  • Der Zug

Tracklist

  1. Loch
  2. Eins
  3. Die Alten hassen die Jungen
  4. Wohlstandspsychiatrie
  5. Mach doch einfach
  6. Erlösung von oben
  7. Wohltäter
  8. Der Zug
  9. Geschrei nach Liebe
  10. Diese Welt
  11. Tag der Idioten
  12. Wohlopfer

Gesamtspielzeit: 59:38 min.

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