Radiohead - I might be wrong – Live recordings

Radiohead- I might be wrong – Live recordings

Parlophone / EMI
VÖ: 12.11.2001

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Dollars and cents

Radiohead polarisieren. An keiner anderen Band scheiden die Geister sich momentan derartig, was zweifelsfrei auf die jüngsten Alben der fünf Oxforder, das tiefgekühlte "Kid A" und dessen nicht minder sonderbaren kleinen Bruder "Amnesiac" zurückzuführen ist. Der offenkundigen Unlust beider Platten an konventionellen Songstrukturen ist es wohl zu verdanken, daß die Musikwelt heute in zwei Lager gespalten ist. In einem tummeln sich jene, die vermeintlich bittere Pillen wie verstärkte Elektroeinflüsse tapfer runterschlucken und sich mit Hammer und Meisel an der meterdicken Eisschicht zu schaffen machen, unter der sie den Sinn songgewordener Fragezeichen wie beispielsweise "Treefingers" vermuten. Das andere Lager hingegen besiedeln vornehmlich jene, die den jüngsten Output von Radiohead als "verkopfte Kunstkacke" verschreien und jede noch so unscheinbare Aktion der Band mit Argusaugen beobachten, um bei kritikwürdigen Ereignissen sofort lospoltern zu können.

Letzterer Gruppe passen die "I might be wrong – Live recordings" natürlich vorzüglich in den Kram. Ein Livealbum mit gerade mal acht Stücken. Und das auch noch kurz vor Weihnachten. Wasser auf die Mühlen der Nörgler. Der Vorwurf, hier wolle jemand mit wenig Aufwand möglichst viel Kohle scheffeln, scheint nicht mal weit hergeholt. Dabei macht es eigentlich durchaus Sinn, einige Konzertmitschnitte der vergangenen Open-Air-Tour auf Silber zu verewigen, zumal sich gerade die Bühnenversionen der neueren Stücke oft sehr weit von ihren Studiopendants entfernen. Die markante Baßlinie eines "The national anthem" hat zum Beispiel deutlich mehr Dreck am Stecken und ein entrückter Thom Yorke ächzt, hustet und spuckt die Vocals geradezu ins Mikrofon, bevor seine Gitarre und Jonny Greenwoods antiquiertes Elektroequipment den Song um die Ecke bringen. Auch "Like spinning plates" tut die frische Luft gut. Statt rückwärts gespielter Samples und zuckender Elektronik steht ein einsames Piano im Vordergrund, zu dessen weichen Akkorden Endzeitstimmung verbreitet wird. "Our bodies floating down the muddy river".

Natürlich muß es live aber auch mal etwas heftiger zugehen. "Let me hear both sides" fordert Yorke im flackernden "Idioteque" und legt mit seinen Mannen passend dazu eine wuchtige Version des "Kid A"-Stückes hin, die all jene zum Tanzen bringt, die eben noch leblos im Fluß dahintrieben. Nicht zu unrecht ist der anschließende Applaus dann auch der ekstatischste, den es auf der Platte zu hören gibt. Das fahrig erweiterte "Everything in its right place" schließlich wartet wieder mit nur scheinbar kuscheligem Klavier sowie einer atemberaubenden Zerhackstückelung von Yorkes Stimme auf.

Der anfängliche Ärger über 30 Mark für acht bekannte Stücke und einen bisweilen etwas dünnen Sound ist längst verflogen, selbst die Kritiker blicken schamerfüllt auf ihre Stiefelspitzen, als mit "True love waits" ein Stück, das Radiohead seit Jahren in der Hinterhand halten und nicht nur unter Insidern als verkannte Schönheit gilt, kribbelnd unter die Haut geht. Allein mit der Akustischen steht Yorke auf der Bühne und singt "I'll drown my beliefs / To have your babies". Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, als man zwar schon sagte, Computer seien OK, es aber eigentlich gar nicht so meinte. Nicht nur Nostalgiker dürfen da schonmal schamlos eine Träne verdrücken. "True love lives".

(Daniel Gerhardt)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Idioteque
  • Everything in its right place
  • True love waits

Tracklist

  1. The national anthem
  2. I might be wrong
  3. Morning bell
  4. Like spinning plates
  5. Idioteque
  6. Everything in its right place
  7. Dollars and cents
  8. True love waits

Gesamtspielzeit: 40:14 min.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum