Ghinzu - Mirror mirror

Ghinzu- Mirror mirror

Contemporary Art / Strictly Confidential / PIAS / Rough Trade
VÖ: 20.08.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Bildersturm

Belgien. Wenn's kracht und scheppert und trotzdem in die Hosenbeine fährt, braucht das Ohr kein Foursquare, um sich zu orientieren. Spinnerter Lärm mit mehr als nur einem Doppelboden - macht man halt seit dEUS so in Belgien. Die formidablen Genre-Verwirbler Ghinzu hatten 2004 auch noch den perfekten Titel: "Blow" blies noch jedes taube Paar Ohren kräftig durch und hinterließ seltsam grinsende Grimassen. Danach jedoch hielt sich der Brüsseler Fünfer erst einmal aus allem heraus. Passend zum Grinsen konstruierten Ghinzu den Soundtrack für das wunderbare Masturbations-Melodrama "Irina Palm". Auch Ghinzu lehnten sich erst einmal zurück und ließen andere machen.

Es sind gerade erst einmal sechs Jahre seit "Blow" vergangen, und plötzlich kommen wieder alle Vorwarnungen zu spät: Erst murmelt ein Vocoder Unverständliches, dann stürzen Riffs, Drums und Elektrogezwirbel übereinander, und alles ist Blut, Schweiß und Amphetamin. Kreiselnde Gitarren versuchen, Struktur in die Unordnung zu bekommen, und scheitern lobenswert. "Cold love" kann da nur ein Euphemismus sein, denn das hier ist heiß, heiß, heiß. "Take it easy" hingegen hat die Coolness gepachtet. "Steady sister, little sister, little sister won't you please / Get your stilettos off my throat so I can breathe?" John Stargasms Nölen vermittelt fast den Eindruck, Julian Casablancas wäre zur Abwechslung mal wieder ein guter Song eingefallen. Aber weil das hier nicht die Lower East Side ist, verlegt der gegen Ende immer aufgepimptere Hintergrund mit Frauengeschrei, Orgelquietschen und Blechgebläse das Geschehen nach Europa.

Gerüchten zufolge spielten Ghinzu mit Gedanken an ein Musical, und tatsächlich blitzt bei den Songs von "Mirror mirror" immer wieder ein roter Faden auf: Hinter dem Spieglein, Spieglein sieht man eine Model-Karriere abheben. Im Titelstück müssen dafür erst einmal ein paar Körperflüssigkeiten fließen. Dann tauscht ein verführerischer "Dream maker" leere Versprechungen gegen Seelen. Das faustische Durcheinander erlaubt denn auch Hintergrundchöre, die bei "Jesus Christ Superstar" wegen Pathosüberschuss rausgeflogen wären. Die klassischen Dramen boten der Zielgruppe aber deutlich weniger Lärm. Für Ghinzu sind Computerspielsounds, Bassgrollen, Hyperaktivitätsgrooves und multiple Verzerrungen gerade einmal der Anfang.

Das famose "The end of the world" zelebriert ein entsprechend wuchtiges Stakkato. Erst trippelt der Song immer näher ans Feuer, verbrennt sich dann dort zwangsläufig und schwenkt schließlich stolz seine Narben. Es wäre keine gute Geschichte, wenn nach Aufstieg und Übermut der Absturz lange auf sich warten lassen würde. Darum geht's bald zackig bergab: "This light" will das Schicksal noch nicht wahrhaben und hält sich tapfer am Klavier fest. "This war is silent" hingegen brennt schon von Anfang an und entwickelt sich zum Feuersturm. Das nervöse Unbehagen von "Je t'attendrai" beschwört Unvermeidliches mit frankophonem Knödeln, und nach dem brutzelnden Schaltkreis-Massaker "Kill the surfers" bleiben nur noch verrotzte Kugelschreiberhülsen und blutige Laken übrig. Ghinzu haben heute leider kein Foto für Dich. Sie haben etwas Besseres: "Mirror mirror".

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Cold love
  • Mirror mirror
  • The end of the world
  • This war is silent

Tracklist

  1. Cold love
  2. Take it easy
  3. Mother Allegra
  4. Mirror mirror
  5. Dream maker
  6. The end of the world
  7. This light
  8. This war is silent
  9. Je t'attendrai
  10. Birds in my head
  11. Kill the surfers
  12. Interstellar orgy

Gesamtspielzeit: 46:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Rantanplan
2014-10-18 19:15:57 Uhr
Ich hoffe! Ich hoffe so sehr!
The MACHINA of God
2013-04-27 19:01:22 Uhr
Unter 5 Jahren Pause zwischen den Alben geht bei denen auch nix, oder?
Biba Butzemann
2010-09-01 14:32:20 Uhr
Ja, doch, das gefällt. Aber man kommt sich so vor, als hätten die Scheibe 2 unterschiedliche Bands aufgenommen, was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Mal sehen wo das hin geht.
Muckiman
2010-08-25 05:18:03 Uhr
Während Blow Ghinzu in Reinform war, hört sich Mirror Mirror in jedem Lied nach ner anderen Band an. Find ich weniger toll. Muse ist die lächerlichste Band aller Zeiten. Gut, dass Ghinzu wenigsten den Gesangsstil nicht übernommen haben.
monguelfino
2010-08-24 23:06:59 Uhr
fantastisches album! famose band! dieses album begleitet mich heute den ersten tag und ich muss sagen, noch besser als blow.
in vielen passagen (vor allem den refrains) fühle ich mich komischerweise an andere bands in ihren besten momenten erinnert, z.B. der titeltrack und franz ferdinand, je t´attendrai und muse.
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