Listen


Banner, 120 x 600, mit Claim

Arcade Fire - The suburbs

Arcade Fire- The suburbs

Merge / City Slang / Universal
VÖ: 30.07.2010

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Nur zu Besuch

Manche Leute können sich abstrampeln im Leben, wie sie wollen - für mehr als eine Doppelhaushälfte in piefiger Nachbarschaft wird es trotzdem nie reichen. Bei Arcade Fire aber muss es stets etwas größer sein. Ihr Debüt "Funeral" klang nach einer Friedhofskathedrale, der Nachfolger "Neon bible" wie ein Sakralbau mit der monströsesten Kirchenorgel, die jemals in der Popmusik Verwendung fand. Dabei war Religion trotz des heiligen Ernstes, der oft über den Songs lag, nie zentrales Thema des kanadischen Septetts. Höchstens eine Instanz, mit der man sich anlässlich der ganz und gar irdischen Unbill von Todesfällen im Familienkreis, Terrorismusbedrohung und Finanzkrise wohl oder übel auseinandersetzen musste.

Also haben sich Win Butler und Régine Chassagne erst einmal die Ruhe angetan. Sind ins Grüne gefahren, oder genauer gesagt: in die merkwürdige Parallelwelt der texanischen Vororte, wo Butler einen Großteil seiner Kindheit verbrachte. Und wo man damals noch nichts ahnen konnte vom verzweifelt euphorisierenden Schmerzkino von "Funeral" oder den gravitätischen Schreittänzen von "Neon bible". Und jetzt das: Der Opener von "The suburbs" flaniert an klimperndem Shins-Pop und Traveling Wilburys vorbei, "Ready to start" erweist mit fidelem Schlagzeug-Bass-Doppel kurz The Gaslight Anthem seine Referenz, wird nach und nach mit Keyboardstichen und singender Gitarre aufgefüllt und hütet sich trotz allem vor einem Zuviel an Bombast und Brimborium.

Arcade Fire wildern dabei geschickt im Dickicht eigenen Materials, bauen hier verschleppte "No cars go"-Symphonik, dort ein Geigenstakkato nach Art von "Neighbourhood #2 (Laika)" ein und haben zudem im popmusikalischen Geschichtsunterricht aufgepasst: Im vor Streichern flirrenden "Empty room" blitzt kehlige ABBA-Seligkeit auf, durch "Half light I" schimmert Neil Diamonds "Song song blue", bevor sich der in purer Schönheit sterbende zweite Teil an der Melodieführung von David Bowies "Heroes" besäuft. Allesamt behutsam gelegte Spurenelemente von Klassikern, die sich mit einem Verweis auf den begrenzten Zeichenvorrat von Popmusik genausogut wegwischen lassen. Oder auch mit dem eher krachledernen Space-Rocker "Month of May".

Aber diese knappen vier Minuten Radau seien Arcade Fire gegönnt. Trotz aller himmelhohen Momente und berauschter Ringelreihen wohnen ihrer Musik nämlich stets Selbstzweifel und zweischneidige Erinnerungen inne. An die Zeit, als man gar nicht schnell genug den Führerschein machen konnte, um das heimische Kaff hinter sich zu lassen. Als die Platten, für die man sein Taschengeld ausgab, über Nett- oder Doofgefundenwerden entschieden. Und doch hat "The suburbs" längst seinen Frieden mit sämtlichen Geistern der Vergangenheit und Gegenwart gemacht - mit den im Grunde ganz friedlichen "modern kids" aus dem folkig wippenden "Rococo" genauso wie mit den einstigen Dreikäsehochs von der Straßenseite gegenüber, mit denen man persönliche Kleinkriege auszufechten pflegte.

Auch wenn die fast menschenleere Tristesse, die Butler bei seinem Besuch in der "City with no children" vorfindet, im gleichen Maße traurig und wehmütig stimmt wie der gleichnamige melancholische Schunkler. Eins der kleinsten und bescheidensten Lieder dieses Albums - aber sicher auch eins der schönsten. Wie Arcade Fire diesmal überhaupt mit kluger Selbstbeschränkung oft den meisten Eindruck machen. "Suburban war" schleicht sich zu einem leise kreiselnden Riff verstohlen vom 20jährigen Klassentreffen, "Modern man" tanzt zu bluesiger Gitarre den Abgesang auf ehemals nahestehende Menschen, die inzwischen auf einem anderen Planeten zu wohnen scheinen. Und zum elektronisch quietschenden Abschluss "Sprawl II (Mountains beyond mountains)" liegen sich trotzdem alle in den Armen. Wenigstens diese wundervollen, anrührenden 64 Minuten lang.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Ready to start
  • Modern man
  • City with no children
  • Half light II (No celebration)
  • Suburban war
  • Sprawl II (Mountains beyond mountains)

Tracklist

  1. The suburbs
  2. Ready to start
  3. Modern man
  4. Rococo
  5. Empty room
  6. City with no children
  7. Half light I
  8. Half light II (No celebration)
  9. Suburban war
  10. Month of May
  11. Wasted hours
  12. Deep blue
  13. We used to wait
  14. Sprawl I (Flatland)
  15. Sprawl II (Mountains beyond mountains)
  16. The suburbs (continued)

Gesamtspielzeit: 63:57 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Yersinia

Postings: 470

Registriert seit 27.06.2013

2021-09-08 21:51:35 Uhr
Ich liebe 'City With No Children'.

War auch lange Zeit mein fav. Track.

Über all die Jahre gesehen, ist es aber 'Suburban War' und natürlich der Titeltrack.

fakeboy

Postings: 1264

Registriert seit 21.08.2019

2021-09-08 20:48:46 Uhr
Modern Man würd ich ne 8 geben. Ich mag den entspannten, leicht verpeilten Groove des Songs und den Wechsel von 9/8 zu 8/8 Takt in der Strophe

Die Everything Now ist übrigens auch ne gute 8. Klar das poppigste Werk, aber ich versteh die Ablehnung nicht, die manche Leute ihm entgegen bringen.

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 2455

Registriert seit 14.03.2017

2021-09-08 20:14:30 Uhr
Hab mich mal wieder dieser wunderbaren Reise hingegeben.

01. The Suburbs 10/10
02. Ready To Start 9/10
03. Modern Man 7/10
04. Rococo 9/10
05. Empty Room 9/10
06. City With No Children 7/10
07. Half Light I 10/10
08. Half Light II (No Celebration) 8/10
09. Suburban War 10/10
10. Month Of May 8/10
11. Wasted Hours 8/10
12. Deep Blue 10/10
13. We Used To Wait 8,5/10
14. Sprawl I (Flatlands) 9,5/10
15. Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) 10/10
16. The Suburbs (Continued) 8/10


Klare 9/10,fühlt sich eigentlich sogar nach mehr an weil das halt auch textlich mitunter mitreißend ist.Reflektor sehe ich auf ähnlichem Niveau,würde aber ganz klar Suburbs als meine Arcade Fire Nummer 1 sehen weil wenn ich die beiden Alben vergleiche, hat Suburbs einfach viel mehr Seele und Reflektor hat phasenweise besonders vom Sound her fast was steriles(P.orno zB).Reflektor funktioniert irgendwie auf einer anderen Ebene als Suburbs.
Funeral ist für mich ne knappe 9,Neon Bible so in etwa ne 8,5.Everything now fällt klar ab,ist maximal ne 7 wenn überhaupt.Müsste da aber auch mal wieder reinhören,hatte ja nichtsdestotrotz auch seine Songs

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26292

Registriert seit 07.06.2013

2020-11-02 17:19:34 Uhr
Sorry, Dude. :/

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17508

Registriert seit 10.09.2013

2020-11-02 17:05:07 Uhr
Ich weiß gar nicht, ob ich selbst noch mit meinen Songbewertungen d'accord gehe :) Müsste ich mal wieder hören.

"Auf dem Debut mag ich genau die Songs nicht, die von Regine gesungen werden."

Mein armes Herz. "In the backseat" ist einer meiner liebsten Songs der 00er und ein potenzieller Beerdigungs-Song.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify