My Education - Sunrise

My Education- Sunrise

Strange Attractors Audio House / Golden Antenna / Broken Silence
VÖ: 25.06.2010

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ganz sie selbst

Es ist schon ein besonderer Service, wenn bereits die Songtitel eines Albums derart selbsterklärend sind, dass der Hörer genau weiß, was auf ihn zukommt. Wie bei "Sunrise", dem fünften Album des texanischen Postrock-Oktetts My Education. Ob nun "Lust" mit seinem schwülen, ermatteten Beat und hintergründigen Vibraphonfiguren, der schaukelnde, an die Planken des Ruderbootes pochende, sodann im Sturmtief aufgescheuchte Rhythmus von "Oars", oder "Peasant dance", bei dem es ebenso wimmelt und wuselt wie nun nicht eben geschuhplattlert, aber doch mit allerlei Kontermelodie der gesamte Körper in Bewegung versetzt wird: Stets erschließen sich dem Hörer die Titel dieser Songs spätestens nach den ersten Takten.

Auch die Musik ist derart selbsterklärend, aber doch bildreich. So die "City woman", die ihren Weg im typischen Godspeed-You!-Black-Emperor-Stil trittsicher durchs dräuende Großstadtflackern findet, die Kamera als Peephole stets einige Meter entfernt, vielleicht gar aus der Vogelperspektive die ersten Schritte begleitend. So humpelt das weiter, bis die Bilder auf Kniehöhe zoomen und wieder aufziehen zum entschlossen dreinblickenden Gesicht, die Gangart energischer, schneller und stampfender sowie die Stimmung langsam umgedreht wird - und schließlich alles in einen Zeitlupen-Amoklauf aufbricht. Ein versiert und hervorragend erzähltes Bilderdrama, das sich dennoch in allem selbst genügt.

An diesem hausgemachten Kopfkino ist dann schnell ersichtlich, dass das Konzept hinter "Sunrise" eher locker gestrickt ist. Bereits seit zwei Jahren bringen My Education "Sunrise" in Abstimmung mit F.W. Murnaus gleichnamigem Stummfilm-Klassiker auf die Bühne, und auch der Tonträger versteht sich eher als Soundtrack. Doch die Gedanken sind frei und die Musik von "Sunrise" ebenso. Wenn es also zu "A man alone" ausschließlich brummt, dronet und durch die Synapsen schwirrt, so war einem halt schon immer klar, dass der Mann an sich, verlassen von Gott, der Welt, allen guten Geistern sowie Wein, Weib und Gesang, eben ein ziemlich trübes Brummen produziert. Undurchdringlich, wabernd, maulfaul, starrsinnig und eintönend eingetönt. Murnau hin oder her: Mehr passiert halt nicht, zwischen diesen Ohren.

Auf den Punkt dann auch der Abschluss "Sunrise": Nimmt die prickelnde, bedrohliche Melancholie von "Sunset" die Grundstimmung des Albums durchaus vorweg, so antwortet "Sunrise" zum Ende mit einem geläuterten Happy End, das sich unterstützt von Schlagzeug, Bass und Slide-Gitarren unter die Streicherharmonien setzt. Ein mit sich selbst vertrackter Spannungsbogen, der auch bei Murnau einen Mord gerade mal dadurch verhindert, dass die Gewissheit eines anderen Todes in letzter Sekunde zurückgenommen wird. Zwischen dieser Kryptik und der Anschaulichkeit einer klassischen Liebesgeschichte findet "Sunrise" sein musikalisches Ehebett, betrügt es aber mit allerlei altbewährtem Postrock. Ein Soundtrack, der sich gekonnt selbst auf die Spur kommt. Und den Hörer stets dorthin mitnimmt.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • City woman
  • Oars
  • Sunrise

Tracklist

  1. Sunset
  2. City woman
  3. Lust
  4. Oars
  5. Peasant dance
  6. A man alone
  7. Sunrise

Gesamtspielzeit: 44:26 min.

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